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TQW Magazin

Marlene Kaufmann, Sophia Zürneck und Carlotta Matscheck über Skinfold von Abigail Aleksander & Mary Szydłowska

19.07.2025

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Texte zu Rakete 2025 von Studierenden der Theater-, Film- und Medienwissenschaft

    Ich bin nicht du. Und doch fühle ich uns.
    von Marlene Kaufmann

    Ich sehe nackte Körper, ich sehe bedeckte Körper – obenrum freigelegt oder vielmehr das Gewohnte verkleidet?
    Und zwischendrin, da sehe ich mich. Ich fühle mich. Ich sehe meinen Körper und frage mich, wie es sich wohl anfühlt, sich wie du zu fühlen.

    Am 09. Mai wurden die Zusehenden bei der Premiere des Stücks SKINFOLD im Rahmen des Rakete Festivals im Tanzquartier Wien Teil einer intensiven Seherfahrung – und einer Reflexion ihres eigenen Sehens. Zwei weiblich gelesene Körper – Abigail Aleksander und Mary Szydlowska – liegen zu Beginn eingerollt auf dem weißen Bühnenboden. Um sie: Das Publikum, nicht distanziert, sondern verteilt – auf Kissen, an den Wänden, am Boden. Kein klassischer Bühnenraum, sondern ein geteilter Atemraum. Offen, durchlässig, ruhig – mit nur vier weißen Scheinwerfern beleuchtet. Die dritte, elementar mitspielende Person befindet sich leicht erhöht hinter einem kleinen DJ-Pult – Hannah Todt, verantwortlich für Live-Sound und Komposition. Sie gibt den Ton an, sendet rhythmische Wellen aus. Wellen, die nicht antreiben, sondern tragen. Aus den Körpern der Performenden wachsen Bewegungen, langsam, vorsichtig, aus der Stille geboren – für das gewohnte Auge ungewohnt.

    Es folgen 140 Minuten fließende Verdrehungen, Entfaltungen, Berührungen, deren Rhythmus immer wieder neue Facetten eröffnet. Nach etwa einer Stunde stoppt die Musik plötzlich. Die Performenden treten in direkten Austausch: Sie schauen sich an, halten Blickkontakt, verändern ihre Positionen und lösen den Blickkontakt. Langsam beginnen sie sich zu berühren, zu umarmen, sich zu halten und zu greifen – dabei entstehen ungewohnte, fast tastende Umarmungen, die vertraute Formen von Körperkontakt hinterfragen. Körper sehen und fühlen sich, nicht als Spiegel, sondern als eigenständige Wesen. Im weiteren Verlauf verändert sich die Stimmung erneut. Das Licht wird warm orange, der Klang verwandelt sich in ein leises Meeresrauschen, unterlegt vom sanften Klirren von Glas. Die Performenden lösen sich voneinander und bewegen sich wieder einzeln, und doch gemeinsam. Einzelne Linien bewegen sich unabhängig, doch spüren einander, fließen zusammen und wieder auseinander.

    Und zwischendrin da fühle ich wieder – aber nicht mich. Ich fühle uns.
    Uns als Welt, als gegenseitig bereichernde Seelen, als einen Körper und doch getrennte Körper. Ich sehe die Darstellenden, ich sehe die Zusehenden und spüre uns: Getrennt, aber zusammen atmend.

    SKINFOLD ist nicht nur eine Performance über den Körper – es ist ein körpergewordener Text, der sich schreibend, faltend, löschend in die Wahrnehmung der Zuschauer*innen einprägt. Dramaturgisch begleitet von Amina Siecsödy, entfaltet sich eine poetisch-philosophische Untersuchung der Körper als Sprache. In diesen sich stetig wandelnden Bewegungen wird Differenz nicht nivelliert, sondern spürbar gemacht, nicht als Grenze, sondern als Potenzial. SKINFOLD schreibt Identität nicht fest, sondern faltet sie auf, entwickelt sie in fließenden Zwischenräumen weiter. Der Blick auf die nackten Körper läuft ins Leere, wenn er gewohnte Zuschreibungen erwartet. Die Nacktheit ist nicht erotisiert, sondern entdramatisiert. Der Blick wird weich – nicht mehr kontrollierend, sondern mitfühlend. Ich ertappe mich dabei, wie mein eigener Blick sich verändert. Ein stiller Moment der Irritation, in dem Wahrnehmung sich neu sortiert. Gerade aus dieser Verschiebung entsteht ein weiterer Effekt: Ein leises Unbehagen, das sich nicht benennen lässt. Etwas wirkt anders, nicht bedrohlich, aber fremd. Es ist jenes merkwürdige Gefühl, wenn Vertrautes nicht mehr ganz vertraut erscheint. Sigmund Freud beschreibt dieses Phänomen als das Unheimliche – jenen Moment, in dem das eigentlich Bekannte plötzlich ins Fremde kippt.[1] So wirken auch die Körper auf der Bühne: nicht fremd an sich, aber fremd im Gewohnten. Ihre Rhythmen sind nicht darauf ausgelegt zu gefallen. Sie zeigen, was sonst verborgen bleibt: Das Halbe, das Unfertige, das Werdende.

    SKINFOLD lässt sich als queere Geste lesen, ein choreografisches Manifest gegen das Gewohnte – oder gegen etwas Gewöhnliches. Jack Halberstam nennt dies in Parasites and Perverts „queere Monstrosität“ [2]: jene Kraft, die sich den normativen Grenzen entzieht. Diese Monstrosität ist nicht abschreckend, sondern befreiend. Die Performance eröffnet damit Möglichkeitsräume für hybride, mehrdeutige Existenzen – jenseits von binären Ordnungen.

    Ich sehe keine Geste über den Körper. Ich sehe Körper, die sich entziehen, die sprechen, ohne zu erklären.
    Sie sind.
    Ich bin.
    Und plötzlich wird aus Bewegung Bedeutung.

    [1] Freud, Sigmund Das Unheimliche 1919, hg. v. Oliver Jahraus, Stuttgart 2020.
    [2] Halberstam, Jack “Parasites and Perverts: An Introduction to Gothic Monstrosity.”, In: The Monster Theory Reader, New York 2020.

    Zusammen-gefaltet in weiß und warm und weich
    von Sophia Zürneck

    Wir kommen rein, falten uns in Seiten und Ecken. Mary und Abigail falten sich in sich selbst hinein. Ein Rauschen, Wummern begleitet uns, scheinbar gleichbleibend. Ich frage mich: „Wie wird sich dieser unser gemeinsamer Raum in den nächsten 140 Minuten verändern?“ Noch sitzen wir alle brav und still und unbeweglich, niemand will stören.

    Die Körper der Performer*innen bauen Brücken. Auf den Knien, den Kopf zwischen den Armen abgelegt entsteht ein Bogen, Brüste ruhen kopfüber auf dem Kinn, ein Anschmiegen. Es ist diese Art von Bewegung, nach der ich mich sehne, die ich mir schwer bloß ansehen kann, ohne neidisch zu sein – zusammengefaltet hier am Rand. Ein langsames, genussvolles Räkeln auf kühlem Grund in kühlem Tageslicht bis zu warmem Abendlicht, mit offenen Augen. Schulterblätter stehen kantig hervor, Brüste fallen, falten sich. Sie müssen anstrengend sein, diese unfassbar langsamen, kontrollierten Bewegungen. Erst allein, an unterschiedlichen Polen, kommen sie sich immer näher, verweben sich ineinander. Das Umarmen, das Licht, der helle Boden; Dieser Raum hat etwas Zartes, Liebevolles.

    Vielleicht werden wir mit der Zeit, die wir hier sitzen auch sanfter zu uns, unter uns? Wie erwartet: Ewig hält das angespannte Publikumsgekauer nicht. Wunderbar an long-durational Formaten: Es hat keinen Sinn, sich vorzunehmen stundenlang aufmerksam, gesittet und gesetzt zu bleiben. Es hat keinen Sinn darüber nachzudenken: „Wann ist es vorbei?“ Denn es ist noch ewig nicht vorbei. Beine strecken sich vor, es wird gelächelt, gegähnt, geschlafen. Ich fühle mich an das Gefühl als Kind erinnert, das langsam Einschlafen im Auto bis der Kopf so zur Seite rollt, dass mensch davon wieder aufwacht. Angenehm schummrig.

    Es vergeht einige Zeit in diesem Raum, sie entzieht sich meinem Gefühl. Irgendwann stehen Mary und Abigail sich gegenüber, die Hände in den Hosentaschen, wertschätzende liebe Augen blicken sich an, ich muss grinsen. Ein paar Momente später – das Rauschen ist schon lange verklungen – muss ich weinen. Ich finde mich erst einmal damit ab, dass die Menschen mir gegenüber dabei sind, mich sehen können. Als die zwei sich schließlich berühren, umarmen, bricht es durch. Keine leise Träne mehr, ein Wasserfall, ich gehe hinaus und nicht wieder hinein.

    SKINFOLD ist ein Stück, das darauf angelegt ist, dass Zuschauende kommen und gehen. Irgendetwas an der Bezugnahme der zwei Performer*innen zueinander, zu uns und zu diesem milchig weißen Raum, löst etwas in mir aus. Etwas traurig Warmes, Privates, das nicht mehr in unseren gemeinsamen Raum hineinpasst, in diesem Moment nicht in diesen Text hineinpasst. Wie es weitergegangen ist im Studio 3, wie sich Raum und Rand und Gefaltete gemeinsam miteinander verändert haben, darüber kann ich nicht berichten und das ist wohl auch in Ordnung so.

    Schichten aus queerer Haut. Identitäten in Bewegung.
    von Carlotta Matscheck

    Skinfold beweist die Kraft der Ruhe und Geduld und erreicht die Zuschauenden „layer by layer“. Die zwei Künstler*innen zeigen eine ausdauernde Performance der Annäherung in der Mitte des Raumes, der mit Bänken und Sitzsäcken einen intimen Raum für das Publikum schafft. Den Oberkörper befreit zeigen die beiden in 140 Minuten Performance, verrenkte Positionen am Boden, in aufbäumender und zusammenfallender Bewegung sowie entspannten Positionen ein Spiel der Entfernung und Annäherung zueinander. Ihre Haut zeigt sich in Falten, Straffungen, Krümmungen und Berührungen. „I discover your skin can be lifted“ und Grenzen können verschoben werden.

    Es scheint, als gäbe es eine unsichtbare Barriere zwischen den beiden gekrümmten Körpern, weiße Haut, nur in Jeans und Schuhen bekleidet, ganz in sich selbst vertieft. Ausschließlich die spürbare Spannung zwischen Abigail Aleksander und Mary Szydłowska verbindet ihre sonst in sich geschlossenen Bewegungen, langsam streckend, krümmend, aufbäumend und wieder zusammenfallend. Blicke fallen auf die minutenlang reglos verharrenden Körper, eine Person aus dem Publikum steht auf und verlässt den Raum. Passiert in der völligen Stille wirklich nichts, oder sind die Gedanken, die im Raum umherschwirren, greifbar laut? Welche Möglichkeiten bietet unsere Gesellschaft, welchen Körpern? Welche Haut darf offen Falten schlagen und welche muss versteckt werden. Können heteronormative Konstruktionen von Sex und Gender zwischen zwei Brüsten erstickt werden, wenn queere Haut sichtbar gemacht wird? Diese weiße Haut, die hier sichtbar wird ist unterdrückt und dennoch machtvoll, unterdrückt durch die heteronormative Matrix des Patriarchats und dennoch machtvoll durch ihre weiße Erscheinung (Lorde 2021: Sister Outsider. Essays.)

    Die Person kommt wieder hinein, lässt sich in einen Sitzsack fallen. Es gibt keine vierte Wand, Zuschauende und Performer*innen bewohnen den Raum, der mit hellem kühlem Licht ausgeleuchtet ist, gleichermaßen. Ein*e dritte Performer*in sitzt auf dem weißen Tanzboden und reguliert live die minimalistische Geräuschkulisse an einer Soundanlage. Die reglose Stille: leises Rascheln? Rauschen? Kratzen?… strapaziert die Aufmerksamkeit. Die beiden Performer*innen machen unsichtbare Grenzen marginalisierter Menschen sichtbar, sie krümmen sich unter ihnen, pausieren, sammeln Kraft und durchbrechen sie, als schließlich die beiden Körper zusammenfinden. Die Distanz führt zur Annäherung. Verdrehte Körper, die sich mit runden, fließenden, unkomfortablen, verzerrten, akrobatischen Bewegungen leise herantasten, berühren und umarmen. Das Licht ist warm und unter Musik, die die Schwere der Stille nimmt, finden beide zueinander und voneinander weg, ohne Stillstand. Sie sind liebevoll und unbeholfen. Es ist nicht einfach. Nicht normativ. Eine schwarze Wunde klafft im weißen Boden, eine der Künstler*innen räkelt sich darin. Ihre Freiheit bedeutet Kampf. Bekannte Formen lösen sich auf. Körper werden zu Fleisch und Knochen und formen Identitäten neu. Grenzen werden verwischt, in ihren Erwartungen durchbrochen und undurchdringlich zu gliedern zusammengesetzt. Stille wird verwandelt in Stärke, die Stimme wird eingesetzt und sie fordert laut, klar und deutlich. Identität ist nicht normativ. Identität ist nicht festgelegt. „I lose myself“ und die Grenzen dieser Gesellschaft.