Du kommst auf die Welt in Bewegung.
Von dem Moment an, in dem du Luft atmest,
bist du in Bewegung.
Du suchst nach deinen Geschichten,
vererbt vom Leib deiner Mutter,
und der Mutter deiner Mutter.
Du suchst nach Berührung.
Du sehnst dich nach
einer höheren Bedeutung,
einem klaren Pfad,
einem Wegweiser.
Entfremdet von der Welt deiner Mutter,
und der Welt der Mutter deiner Mutter,
pochen Phantomnabelschnurworte
auf ihre Phantomverbindung mit dir.
Du bekommst Bindungslosigkeit vererbt.
Und es gibt Augenblicke,
in denen das Sonnenlicht hervorbricht.
Und in diesen Augenblicken
wärmt die Wärme, die du auf der Haut spürst,
dein tiefstes Inneres.
Über Joy(ce)[1]
Es fällt mir äußerst schwer, Worte zu finden, um über diese Arbeit zu schreiben.
Ich beginne mit Dankbarkeit. Ich bin dankbar, die Zeit in dieser Atmosphäre zu verbringen, eine Performance zu erleben, die so persönlich ist – für mich, für die Künstler*in, für Joyce – aber dennoch alles andere als individuell. Ich denke an all die Schwarzen Femmes und als Frauen sozialisierte Schwarze Personen, die mit Einsamkeit, Depression und daraus resultierender Selbstisolation zu kämpfen haben. Das Stück fügt sich in ein asynchrones, nichtlineares Netz von Geschichten ein, die – gewollt oder ungewollt – die Sichtbarkeit und Verletzlichkeit solch psychischer Kämpfe gemeinsam haben: im Ruf des Klangs und der Reaktion des Körpers darauf, in den Spannungen zwischen dem Äußeren und dem Inneren, im Zusammenbruch – und dabei trotzdem weitermachen wie gehabt, und ab und zu immer noch Freude finden. New Kyd erinnert uns daran, dass der Körper Raum einnimmt, reagiert und (sich) erinnert.
Marquis’ McGees Live-Begleitung schafft phasenweise eine Kosmologie, die sich als Sound materialisiert. Er erschafft für uns eine solche Welt durch Klang. Beim Kreisen durch zeitlich-räumliche Übereinstimmungen lande ich irgendwann mit Joyce gemeinsam in ihrem Zimmer. Ihr Geist und meiner ignorieren das Klopfen an der Tür unseres Zimmers. Dem unaufhörlichen Lärm zum Trotz wenden wir uns von der Außenwelt ab, die hartnäckig versucht, in diesem Kokon einzudringen, den wir für uns geschaffen haben. Gleichzeitig loopt und überlagert sich die Klangfläche mehrmals und wird eine Zeit lang schneller, bis sie schließlich verstummt. Die Live-Vocals von New Kyd werden zu ihrer eigenen Choreografie, existieren aber weiterhin in Harmonie mit dem Körper, den wir vor uns sehen. Scheinbar unkontrollierbare Gliedmaßen zittern, im Gegensatz zu gleichbleibenden, geerdeten Flows, die auf den Sound reagieren. Manchmal scheinen die Schreie der Stimme aus einem zutiefst verzweifelten oder höchst angespannten Organ zu kommen, beinahe ein Wehklagen oder eine Sehnsucht, die an ein inneres Kind oder inneres Selbst erinnert, das Kummer gewohnt ist. Das Loslösen und Loopen der Stimme nimmt dem Körper seinen Zusammenhalt. Wie viele andere Elemente im Stück dienen diese Trennung und das Wiederholen gleichzeitig dazu, derartige Erfahrungen eines fehlenden Zusammenhalts in ihrer Ausweitung wieder zusammenzuführen. An anderer Stelle wird der Sound zu einem Herbeirufen, einer Antwort, einer Reflexion – mithilfe der Stimmen von Bessie Grin, Maya Angelou, Lauryn Hill und Billie Holiday. Der Sound fungiert als Raum, als Erinnerung, als Pfad. Ich habe die Textzeilen notiert, die mir im Gedächtnis geblieben sind:
Sometimes I feel like a motherless child
In my solitude, I am praying
I gotta find peace of mind
Survival apparatus
But I’m not strong
I feel so lonely
No one to turn to
A pile of bones
A balancing act
When the noise stops, you keep dancing
Als ich wieder zu mir zurückfinde, denke ich über meine Erfahrungen nach: Verliere ich den Verstand? Sollte ich mich in mich selbst zurückziehen? Wie oft habe ich Lauryn Hill die Worte „I gotta find peace of mind“ singen gehört, ihre Stimme auf mich wirken lassen und diese Lyrics verinnerlicht? Wie oft habe ich mir über ihre eigenen psychischen Probleme Gedanken gemacht, während ich mir diese Verletzlichkeit angehört habe?
In Joy(ce) werden Klang, Musik und Referenzen überlagert, die sich heilig anfühlen. Als Zuschauer*in im Publikum schien es mir, als wäre ich ein integraler Bestandteil einer gemeinschaftlichen Erfahrung der multiplen Realitäten, durch die sich New Kyd in der Performance bewegt. Der Körper repräsentiert in diesem Fall eine kollektive Erfahrung des Selbstverständnisses eines Individuums, das in Eigenisolation, überwältigt, versucht, wieder besser drauf zu sein, und erkennt, dass es das nicht ist, versucht, sich selbst genug zu sein, alles und jede*n andere*n zu ignorieren.
Es war eine Freude, das mitzuerleben. Es war eindringlich und es war wunderschön.
Es kam zu einer Zeit auf mich zu, als ich es brauchte.
Nicole Dania Foelss (dey/they) ist ein*e Künstler*in und Kunstvermittler*in aus Antigua und Barbuda und lebt in Wien. In deren Praxis erforscht dey Erinnerungspolitik, die Auswirkungen des Tourismus in „post-“kolonialen kleinen Inselstaaten sowie afro-karibische Gedächtnisinstitutionen, mit Schwerpunkt auf den eigendefinierten visuellen Geschichten und Zukünften der Schwarzen Diaspora und deren Kontexten. Nicole hat einen Bachelor in Kunst- und Architekturgeschichte von der Universität Wien und absolviert derzeit ihren Master in Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien.
[1]Joy(ce) ist der Titel des Stücks und bezieht sich auf Joyce Carol Vincent. Vincents Tod infolge gesundheitlicher Komplikationen blieb über zwei Jahre lang unentdeckt, bis ihre Leiche 2006 in ihrer Wohnung gefunden wurde und der Fernseher noch eingeschaltet war. Vor ihrem Tod hatte sie den Kontakt zu den meisten Freund*innen und ihrer Familie abgebrochen.