Als wir erfahren, dass die Co-Intendanz von Isabel Lewis und Rio Rutzinger u. a. mit einer Opening Occasion eröffnet wird, ist für uns klar, dass wir hinfahren. Wir wollen die Tanzquartier-Version der Hosted Occasion erleben und Isabel Lewis und Rio Rutzinger in ihren neuen Rollen als Co-Intendant*innen feiern. In den Occasions, die Isabel Lewis seit mehr als zehn Jahren immer weiterentwickelt, tritt sie als Host auf und komponiert mit ihren Gäst*innen in Echtzeit Begegnungen mittels Geruch, Geschmack, Berührung, Bewegung, Sound und Geschichten. Wir wissen die dabei entstehenden Räume, ihre Zeitlichkeit und besonders das nachhallende Körpergefühl immer sehr zu schätzen.
Obwohl unser Zug verspätet in Wien eintrifft, ist die Ankunft bei der Opening Occasion sehr entspannt: Kein Ticket oder RSVP, alle dürfen rein und raus, wie sie wollen, über 240 Minuten, und für alle, die wollen (so wie wir), sogar an zwei Abenden hintereinander. Was wir hier beschreiben, ist somit ein Erfahrungs-Remix aus beiden Abenden.
In der Halle G des TQW werden uns wie allen anderen Gäst*innen die Türen aufgehalten. Drinnen werden wir empfangen von Bäumen, Sträuchern und, ja, auch Menschen. Es gibt Sekt, Wasser und wirklich tasty Häppchen (von der lokalen Künstlerin und Köchin Steffi Parlow). Der Raum ist geprägt von Gleichzeitigkeiten und Möglichkeiten. Die Gäst*innen snacken, trinken, unterhalten sich, bewegen sich im Takt der von Isabel Lewis aufgelegten Musik, manche räkeln sich auf den Podesten, kuscheln oder spielen Verstecken. Manche haben die Schuhe ausgezogen. Andere haben sich ausgestreckt oder kurz hingelegt. Auch viele Kinder sind dabei. Die Besucher*innen tauchen ein und auf aus Geschichten und Sounds, dem Opening-Socializing, den Interviews mit den TQW-Künstler*innen Elisabeth Bakambamba Tambwe, Sabina Holzer, Dean Moss, Camilla Schielin, Elizabeth Ward, der Gebärdensprach-Performance von Alice Hu, Tänzen von undercover im Publikum sich aufhaltenden Performer*innen und Düften von Sissel Tolaas. All das wird von Isabel Lewis live gemischt, als Full-Body-Experience-Master-of-Ceremony oder eben ganz einfach: als Host.
Die Einladung eröffnet einen kuratierten Raum. Wie die Eingeladenen auf diesen Raum reagieren, ist jedoch offen. Die Besucher*innen sind teilweise etwas verloren oder überfordert, andere übernehmen zeitweise spontan den Raum, übertönen Interviews der Co-Hosts, inszenieren sich selbst. Bei der Opening Occasion bewegen sich Isabel Lewis und die Tanzquartier-Mitarbeitenden gemeinsam mit den Besucher*innen durch eine Situation, die das sorgfältige ständige Hin- und Her und Durchkreuzen von Räumen und Beziehungen mit allen Komplexitäten, Ambivalenzen und Differenzen verkörpert.
Für Isabel Lewis ist „Hosting" mehr als eine Praxis und „Host" mehr als eine Rolle – so haben wir das in der Zusammenarbeit mit ihr immer wahrgenommen. Es ist ein zeitlich intensiver und situativer Prozess der Beziehungsarbeit, der Verantwortung, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit in komplexen sozialen Gefügen lebt. Ein Prozess, der mit und zwischen Differenzen arbeitet, ohne sie aufzulösen, der sich sehr begrenzt kontrollieren lässt und so auch immer eine Spannung erzeugt. Dieses Prinzip, aus der choreografischen Praxis entstanden, wird jetzt auf eine ganze Institution übertragen; in Zusammenarbeit mit Rio Rutzinger und einem großen Team.
Wir verstehen diese Arbeit des Hosting auch als eine Form der Kritik, da sie in institutionelle Infrastrukturen – wie jetzt in die des Tanzquartier Wien – eingreift. Das macht die Institution auch angreifbar, weil sie die Türen öffnet und Normen infrage stellt. Das Potenzial einer Veränderung liegt dabei in den wiederkehrenden Abläufen, Mustern, Ritualen und Gewohnheiten institutioneller Praxis.
Die zwei Opening Occasions zur Eröffnung der Intendanz von Isabel Lewis und Rio Rutzinger am Tanzquartier Wien waren für uns keine singulären Events. Sie waren vielmehr der Auftakt zu einer mehrjährigen Hosted Occasion, einer Occasion-Intendanz: Ausdruck eines prozessorientierten, mehrjährig angelegten, verkörperten und sensorischen infrastrukturellen Ansatzes für das Tanzquartier. Hosting und Bewegung in einer Institution sind auch choreografische Prozesse. Wir bewegen uns gerne bald wieder zum – und im – Tanzquartier Wien.
Phila Bergmann und Thea Reifler arbeiten als Kurator*innen, Dramaturg*innen, Dozent*innen und Social-Justice-Trainer*innen zwischen Berlin und Zürich. Zuletzt waren sie Direktor*innen der Shedhalle Zürich, die mit dem Programm ProtoZonen 2020-2025 zu einem Raum für prozessbasierte Kunst wurde. Isabel Lewis, Phila Bergmann und Thea Reifler kollaborieren seit 2020. In den Jahren 2022 und 2024 veranstalteten sie in Zusammenarbeit mit in der Schweiz arbeitenden Künstler*innen und internationalen Kunsthochschulen zwei Iterationen des Institute for Embodied Creative Practices in der Shedhalle.