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TQW Magazin

Die Kreuzung bewohnen

28.09.2025

©

© Markus Gradwohl

Marina Guzzo über WASTEland von Claudia Bosse

    Ich war zufällig in Wien, um am gtf[1] Symposium Dance Resonance – Artistic Attunement in Motion[2] an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien teilzunehmen. Dort hatte ich mich bereits zwei Tage lang zuhörend, lernend und tanzend mit dem Thema Resonanz im Tanz beschäftigt.[3]

    Die Begegnung mit WASTEland fühlte sich aus mehreren Gründen wie ein Geschenk an, ein goldener Abschluss (wie wir in Brasilien sagen). Erstens, weil ich unbedingt ein Stück von einer Wiener Künstlerin erleben wollte, und zweitens, weil meine eigene Arbeit mit Claudias Praxis korrespondiert – insbesondere in Bezug auf ihr Verständnis von Landschaft, die Prekarität sogenannter „nicht-konventioneller“ Kunsträume und vor allem einen durchlässigen und erweiterten Zustand verkörperter Präsenz, der mit den sichtbaren und unsichtbaren Präsenzen, die uns umgeben, in Dialog tritt. Abschließend möchte ich noch besonders betonen, was für ein Vergnügen es war, in ein Stück einzutauchen, das so mitreißend war, dass es viele Fragen zu den Themen Tanz und Ökologie aufgeworfen hat, von denen ich glaube, dass sie für unsere Zeit der Katastrophen von zentraler Bedeutung sind.

    Die aufgeregte Suche nach dem Veranstaltungsort führte mich zu einer Kreuzung direkt vor dem Wiener Hauptbahnhof.

    Apropos „Kreuzung“: Im Portugiesischen steckt im wunderbaren Wort „encruzilhada“ bereits die Idee eines Ortes voll potenzieller Kraft. Es beinhaltet mehr als einen geografischen Punkt oder eine Metapher der Wahl. Vielmehr ist es ein kosmologisches Prinzip, das Lebens-, Denk- und Schöpfungsweisen organisiert, die in afro-diasporischen Traditionen in Brasilien verwurzelt sind. Der Herrscher über die „encruzilhadas“ ist Exu, die Entität, die Wege öffnet, Verbindungen herstellt und die Kommunikation zwischen den Welten ermöglicht.[4]

    Eine Kreuzung zu bewohnen, bedeutet, einer Erkenntnistheorie zu folgen, die Bewegung, Vermischung, Verhandlung und Einfallsreichtum in sich vereint. Es geht nicht darum, einen bestimmten Weg aus vielen zu wählen, sondern zu erkennen, dass Wissen aus Übergängen, Verstrickungen und Spannungen hervorgeht. Die Kreuzung steht für alles andere als Unordnung oder Verwirrung. Sie wird vielmehr als ein existenzielles Prinzip verstanden – ein Ort, an dem die Welt gemacht wird, wo das Leben wieder verzaubert wird, wo das Gemeinsame in seiner radikalen Vielfalt erlebt wird.

    An jenem Abend saß ich also bei leichtem Regen mit Regenmantel und Regenschirm da, als die Performance begann. Das Licht ließ langsam nach, Nacht und Regen stritten miteinander, wer von beiden stärker war. Der Regen setzte sich durch. Die Performance musste wegen seiner schieren Kraft und Entschlossenheit unterbrochen werden.

    Die Zuschauerin in mir war enttäuscht, nicht sehen zu können, wie sich alles in dieser nassen Präsenz entfalten würde. Aber als Künstlerin ist mir bewusst, dass Sicherheit immer an erster Stelle steht, ebenso wie die nötigen technischen Rahmenbedingungen für die Ausführung der Arbeit. Durchnässt verließ ich den Veranstaltungsort, kehrte ins Hotel zurück und konnte – selbst nach einer heißen Dusche – nicht schlafen.

    Als ich endlich die Augen schloss, träumte ich.

    Ich träumte von einer Zukunft, in der die Zeit anders konzipiert war – spiralförmig, zirkulär und einzigartig für jedes Wesen. Es gab die Zeit der Züge, die Zeit der Vögel, die sich bei Sonnenuntergang versammelten, die Zeit der Flugzeuge, die ihren Routen folgten. Im Traum galoppierten fünf Frauen – Amazonen – über eine riesige, verlassene Fläche: WASTEland. Sie trugen schwere Stiefel für Flüsse, Sümpfe oder Mangroven; Stiefel, die sie auch vor Schlangen und fantastischen Tieren schützten. Mythische Drachen flogen über den Himmel – oder waren es Spielzeugdrachen? Die Frauen trugen ihre eigene Zeit, ihre Körper, ihre Brüste. Nach und nach berührten, fühlten und spürten sie einander – auch mich spürten sie. Mit entblößten Brüsten erotisierten sie alles und gossen Milch über den Ort, stillten die Pflanzen, die Steine, den Asphalt.

    In diesem ersten Teil des Traums tanzten sie und nahmen alles ein. Ich saß „mitten im Nirgendwo“ in einer Art Publikum und wurde in Bilder gehüllt, die um mich herum Gestalt annahmen. Ihre bewegten Körper waren eins mit der Landschaft und erzählten Geschichten über das Vergessen, mitten im Herzen einer imposanten Stadt. Der Ort hatte die Form einer Pfeilspitze – ein perfektes Dreieck, in den Kern der Stadt geschnitzt und mit Schutt, Schlamm und widerstandsfähiger Vegetation gefüllt. Ein Geräusch reagierte auf alles: auf die Erde, auf den Himmel, und baute ein durchlässiges Nest aus Präsenz, offen und im Dialog.

    Um diesen Pfeil herum erschienen im Traum viele Menschen: ein Bub mit Geburtstagsballons in der Hand, eine rauchende Frau auf einem Balkon, Tourist*innen, die Fotos vor einem Hotel machten, vorbeifahrende Fahrräder und Scooter.

    Inmitten dieser traumhaften Verwirrung sah ich die Amazonen, die sich in andere Figuren verwandelten, in Farben, Texturen, Geräusche, Bewegungen – sie durchquerten den Raum, folgten Spuren, brachten Bomben zum Explodieren, flogen zwischen Ruinen hin und her, versanken tief in der Erde.

    Eine Figur stand bewegungslos im Hintergrund und beobachtete jede ihrer Gesten. Tat etwas, indem sie nichts tat. Eine Zeugin. Da waren Schmerz, Krieg, Kampf.

    Aber da war auch Widerstand, Leuchtkraft, Schönheit, Innehalten, Ruhen und Atmen. Da war Schönheit! Und da war Liebe. Toxische Liebe. Diese Liebe ist toxisch, weil sie aus einer Atmosphäre der Zerstörung hervorgeht; aber sie ist auch Liebe, weil sie Möglichkeiten des Überlebens, der Kreativität und der Solidarität aufrechterhält. Mit toxischer Liebe[5] sind die widersprüchlichen Beziehungen gemeint, die uns im Zeitalter der Klimakrise an die Erde binden. Diese Form von Liebe ist nicht rein, unschuldig oder erlösend; sie ist eng mit Geschichte(n) von Gewalt, Verseuchung und Ausbeutung verknüpft. Dennoch bleibt sie eine Kraft der Intimität, des Verlangens und der Fürsorge.[6] Ökologisch zu lieben bedeutete in meinem Traum, zu akzeptieren, dass Intimität mit der Welt nie frei von Toxizität ist: In unseren Körpern finden sich Pestizide, Schwermetalle und Mikroplastik, genauso wie unsere Landschaften von Monokulturen, Bergbau und Industrieabfällen gezeichnet sind.

    Im zweiten Teil des Traums kamen die Frauen und nahmen meine Hand. Ich sollte mit anderen durch dieses Areal gehen, mit ihnen beisammen sein, die Kreuzung überqueren. Ich wirbelte durch Zeiten zwischen Welten und rieb meine Hand an Erde und Beton. Es war schmutzig, giftig und unangenehm. Ich erinnerte mich im Traum daran, dass Ökologie für mich eine Form von toxischer Liebe darstellt. Da war ich nun mit diesen Performer*innen und akzeptierte die Paradoxien unserer Verstrickungen mit der Erde im Anthropozän. Es war nicht rein, harmonisch oder unschuldig – es war chaotisch, ambivalent und geprägt von Geschichten über Ausbeutung, Gewalt und koloniale Herrschaft.[7] Aber es war auch eine Kraft der Verbundenheit, des Verlangens und der Fürsorge.

    Nichts an der Kreuzung, auf der wir uns befanden, wurde romantisiert. Wir sind längst in diese toxischen Beziehungen verstrickt: Die Landschaft hat uns, die Art, wie wir uns bewegen, Rohstoffe abbauen und verschwenden, geprägt. WASTEland – untrennbare Schönheit und Verseuchung. Viele gesammelte Dinge – Glitter, Taschen, Farben.
    Kommt Abfall von Müll? Von dem, was zu Ausschuss geworden ist? Von dem, was zu nichts mehr gut ist?

    „Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit.
    Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit.
    Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit.“

    Auf einmal wurde alles dunkel. Ich konnte nichts sehen. Da gab es kein Verhandeln zwischen der untergehenden Sonne und der Schatten malenden Nacht.

    Dann gossen sie einen Kübel Wasser über meinen Kopf.

    Ich wachte auf.

    Am letzten Tag des Symposiums war ich beim Vortrag von Martina Ruhsam – in dem es asugerechnet um WASTEland und Landschaft ging. Sie präsentierte viele faszinierende Ideen zu dem Stück, aber mich hat besonders ihr Zitat von Ailton Krenak[8] angesprochen, in dem es darum geht, eins mit der Landschaft zu werden. Ich hatte im Seminar am Vortag auch über Krenak gesprochen! Er ist eine sehr wichtige indigene Stimme aus Brasilien. In einem anderen Buch schreibt er über die überlieferte Zukunft: eine Möglichkeit, mit der linearen Zeit der kolonialen und kapitalistischen Vorstellungswelten (Imaginarios) zu brechen. Für ihn ist die Zukunft keine abstrakte Vorhersage über Fortschritt oder Entwicklung, sondern der Fortbestand der Beziehungen, die uns mit unseren Vorfahr*innen und der mehr-als-menschlichen Welt verbinden. Was uns an ein Stück Land bindet – wie die Kreuzung der Performance – ist genau das. Die Zukunft als etwas zu denken, das unsere Vorfahr*innen an uns weiterge(ge)ben (haben), bedeutet, die Trennung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und dem, was kommt, abzulehnen und zu erkennen, dass das, was uns heute ausmacht, die Träume, Rituale und Anstrengungen derer in sich trägt, die uns vorausgegangen sind.

    Diese überlieferte Zukunft ist auch eine Praxis des Übernehmens von Verantwortung: Jede Geste in der Gegenwart muss nicht nur ihre unmittelbaren Auswirkungen in Betracht ziehen, sondern auch ihre Konsequenzen für zukünftige Generationen und die Regionen, in denen wir leben. Gleichzeitig bedeutet es zu erkennen, dass Vorfahr*innen nicht auf die Vergangenheit beschränkt sind, sondern als lebendige Präsenzen in Flüssen, Bergen, Wäldern, Liedern und Ritualen bestehen bleiben. Krenak beharrt darauf, wie wichtig es ist, gemeinsam zu träumen, das Leben wieder zu verzaubern und affektive Allianzen zu pflegen, die uns inmitten der Klimakrise Kraft geben. In diesem Horizont ist Zukunft nicht etwas, das es zu erobern gilt, sondern ein Gebiet, um das wir uns kümmern müssen – weil es uns bereits innewohnt.

    Nach dem Symposium kam ich mit Claudia Bosse und Isabel Lewis ins Gespräch – an derselben Stelle, an der der Regen die Performance unterbrochen hatte. Diesmal schien die Sonne, und ich konnte den Ort mit anderen Augen betrachten. Es war sehr schön, die Kreuzung in anderen Farben und Temperaturen zu sehen. Isabel erwähnte in ihrem Vortrag einige Begriffe, die mit dem übereinstimmten, was ich gefühlt und geträumt hatte: queere Zeit, hybride Landschaften, eine toxische Liebe zur Erde und zum Leben.[9]

    Ich hatte Gelegenheit, Claudia zu fragen, wie die Zukunft dieses Stücks aussehen könnte, jetzt, wo es nicht mehr diesen Ort bewohnt. Ihre Antwort darauf: „Wir werden mit diesem Ort weiterexperimentieren, auf anderen Flächen, mit allem, was er uns über die Vorstellung von Zeit beigebracht hat. Es ist unerlässlich, über Ökologie in den traditionellen Räumen der Kunst nachzudenken.“

    Ja. Das sehe ich auch so. Und davon träume ich auch. Es gibt viele Kreuzungen zu bewohnen – in Form von Bewegung, Vermischung, Verhandlung und Einfallsreichtum – gemeinsam mit der Verantwortung, die wir für die Zeit tragen, die noch kommt.

    „Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit.“ Und wir setzen die Spiralbewegung fort.[10]

    Marina Guzzo ist Künstlerin und außerordentliche Professorin an der Universidade Federal de São Paulo (UNIFESP) und forscht dort im Rahmen des Corpo e Arte-Labors am Institut für Gesundheit und Gesellschaft (ISS). Derzeit ist sie Fellow am Sonderforschungsbereich „Affective Societies“ der Freien Universität Berlin, von dem ihre Reise nach Wien im Rahmen ihrer vom Nationalen Rat für Wissenschaftliche und Technologische Entwicklung (CNPq) Brasiliens finanzierten Forschung, Stipendium Nr. 201223/2024-4 gefördert wurde. Mehr über ihre Arbeit unter: cargocollective.com/marinaguzzo.

    [1] Gesellschaft für Tanzforschung, gtf-tanzforschung.de.
    [2] Tanz Resonanz – Künstlerische Weltbeziehungen in Bewegung, gtf-tanzforschung.de.
    [3] Darunter meine eigene Forschung in Zusammenarbeit mit Sophie Schultze-Allen: Exploring Dance and Ecosomatic Practice as Knowledge-Creation.
    [4] Luiz Antonio Simas and Luiz Rufino, Fogo no Mato: A ciência encantada das macumbas, Rio de Janeiro: Mórula Editorial 2018; R. Almeida, 2021.
    [5] Donna Jeanne Haraway, Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene, Durham: Duke University Press 2016.
    [6] Anna Lowenhaupt Tsing, The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins, Princeton: Princeton University Press 2015.
    [7] Catriona Mortimer-Sandilands und Bruce Erickson (Hg.), Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire. Bloomington: Indiana University Press 2001.
    [8] Ailton Krenak, Futuro Ancestral, São Paulo: Companhia das Letras 2022 (noch nicht übersetzt; möglicher Titel auf Englisch: „Ancestral Future“ bzw. auf Deutsch: „Überlieferte Zukunft“). Von Krenak auf Englisch erschienen: Ideas to Postpone the End of the World, Toronto: House of Anansi 2020; Life is Not Useful, Cambridge: Polity Press 2020.
    [9] In ihrem Vortrag und im Gespräch mit Claudia Bosse erwähnte Isabel Lewis zwei wichtige Begriffe im Zusammenhang mit WASTEland: Astrida Neimanis’ „bad ecosex“ – als Ausdruck der Verwandtschaft zu toxischer Liebe; und Carolyn Dinshaws „How soon is now“ – in Bezug auf die Queerness von Zeit.
    [10] An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, eine Arbeit von Leda Maria Martins zu zitieren, die noch nicht ins Englische übersetzt wurde: „Spiralzeit ist nicht linear organisiert, sondern in Kreisbewegungen, als Kommen und Gehen, als Wiederkehren und Neueinschreiben. Beim Performen ist die Vergangenheit kein fixer Punkt, der hinter uns liegt: Sie verwirklicht sich in der Gegenwart und wird in die Zukunft projiziert, sodass jede Geste eine überlieferte Erinnerung und gleichzeitig die Erfindung einer bevorstehenden Zukunft in sich trägt. Diese Zeit ist nicht chronologisch, sondern rituell und zirkulär; schichtweise verflechten sich die Erinnerung und das Jetzt in ihr und bilden eine Spirale.“ Leda Maria Martins, A cena em sombras: memória e Performance nos congados. São Paulo: Perspectiva 1997.

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