Die im Institute of Contemporary Arts in London uraufgeführte Arbeit pool7 von Nora Turato wurde im TQW in Kooperation mit der Kunsthalle Wien realisiert. Während die Künstlerin in der 52 Meter langen Vitrine der Kunsthalle einen visualisierten Schrei – eine Aneinanderreihung des Buchstabens „a“ – installierte, versteht sie die in den TQW Studios gezeigte Performance als Work-in-Progress. Turatos spezifischem Konzept folgend entwickelt sich die Arbeit mit jeder Aufführung weiter: Sätze, Wörter und Laute sollen sich im Prozess des Performens zersetzen. Wie auf dem Schriftband in der Vitrine geht es also auch hier um das Verhältnis zu Texten, die Turato in unterschiedlichen Medien aufgreift – ein Sprachschwall der Gegenwart. In einem Interview betonte sie, dass der in Social Media waltende Algorithmus gerade nicht den Horizont der User*innen erweitere, durch die Auswahl verwandter Themen werde vielmehr Reduktion produziert. Interessant: Turato flicht ihre Interviewaussage in die TQW-Performance ein und führt damit ihre eigene Reduktion vor – ein Kreisen um sich selbst.
Die Kette von „a“ an der Fassade der Kunsthalle und die sich in Schallwellen verlaufenden gestikulierenden „a“, die Nora Turato mit dem ganzen Körper während der Live-Performance ausstößt – aushaucht – ausschreit – aus sich rauswürgt, erinnern mich an das von Jacques Derrida geprägte Konzept der „différance“. Das in die „différance“ eingebrachte „a“ – eine neue Schreibweise, ein Neologismus – ist nicht bloß ein Willkürakt Derridas, sondern visualisiert seine Kritik am Phonozentrismus, wie er sich seit Platon in der westlichen Philosophie findet. Der Phonozentrismus basiert auf der Annahme, dass das gesprochene Wort auf eine Essenz verweisen würde, auf eine wie auch immer verfasste Wahrheit, die tief im Inneren der Subjekte selbst zu finden sei – in ihrem Hauch – ihrem Atem. Derrida dekonstruiert diese Annahme, indem er zeigt, dass „différance“ und „différence“ zwar unterschiedlich geschrieben werden und damit ein Spiel der Differenzierungsbewegungen eröffnen, im Aussprechen jedoch keinen Unterschied machen. Wo also ist hier bitte Wahrheit oder innere Substanz – Essenz – Identität – Ursprung?
Wir sind, so Derrida, unentrinnbar sowohl mit der Schrift als auch mit der Sprache verheddert. Schlimmer noch – statt Abbild einer Wahrheit zu sein, sei Sprache nichts als ein Geflecht von Signifikanten, d. h. von gesprochenen und geschriebenen Wörtern und Gesten, die sich – noch schlimmer – nicht festnageln lassen, sondern sich ständig in Bewegung zueinander befinden.
Wem nun im Rausch der Referenzlosigkeit der Worte und Gesten schwindelig geworden ist, der*dem verspricht Nora Turato zunächst wohltuende Abhilfe: Lange Zeit wirkt die Performance nämlich so, als kehre sie Derridas Dekonstruktion um – als sei da etwas im Hauch, Atem, Röcheln, Würgen einer Performerin: eine Wahrheit, ein inneres Selbst, etwas tief Verborgenes. Durch all das Geplapper auf Social Media, das sich um den Körper spannt – ihn ver-spannt –, erleben wir hier und jetzt – aaaaaaaa – eeeeeendlich wieder: Wahrheit, Identität, Ursprung, Verankerung!
Doch gerade im Akt des Übergebens – Turato röchelt, als würde sie sich im nächsten Moment erbrechen – löst sich der Anschein einer inneren Identität und Wahrheit auf. Just in diesem Moment spricht sie vom unheimlichen „device“ in unserem Inneren. Ihre vorher performten, gehauchten, geröchelten Sätze fallen mir wieder ein, „aaaaa – I was told – I was told – I was told – aaaaaa“ –, was immer wieder kontrastiert wird mit dem gehauchten Wort „consciousnesssssss“. Die Idee einer inneren Wahrheit und Identität bricht radikal in sich zusammen. Statt einer Verankerung des inneren Selbst ist unser Bewusstsein mit Inhalten aus unseren Mobiltelefonen aufgeladen. Derrida wird unterstrichen, nicht durchgestrichen, und diejenigen, die an ihn glauben – wie ich –, freuen sich.
In meinem Bewusstsein löst nun Nora Turatos Kostüm Assoziationen aus – ein Nachthemd, möglicherweise eine Anspielung auf die Hysterikerinnen, die sich in unzähligen Fotografien und Grafiken des 19. Jahrhunderts finden: Man sieht den Neurologen Jean-Martin Charcot mit einer Schar von Ärzten als Beobachtende und eine Hysterikerin als Beobachtete in ihrer Mitte im weißen Nachthemd – sich verrenkend. Die Auseinandersetzung mit Charcots Theorie der Hysterie bei Michel Foucault fällt mir ein. Auch Foucault betonte: Sosehr man eine „Wahrheit“ hinter der Sexualität von Patient*innen auch suchte, man fand diese nicht – stattdessen produzierte das 19. Jahrhundert eifrig Theorien, also Sprache, die sich um sich selbst windet.
„Doch was ist nun mit uns, dem Publikum – wer sind wir?“, frage ich mich, während Turato im selben Augenblick röchelt: „Who am I?“ Sind wir nun die Reenactments der Ärzte, die sich um die Hysterikerin versammeln? Ihrem äußeren Erscheinungsbild nach zu urteilen waren es allesamt Männer – vielleicht aber auch Frauen oder nichtbinäre Personen, die nur als „Männer“ verkleidet waren (wieder so ein Wort). Oder sind wir einfach als Publikum zu verstehen, das am Ende der Vorstellung applaudiert?
Iris Julian ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Universitätsdozentin und lebt in Wien, wo sie das Grey Room Studio organisiert. Ihre Forschungsarbeit zu feministisch inspirierter Video- und Performancekunst erschien 2025 unter dem Titel The Inherent Potential in Art Performance; 2024 publizierte sie ihre Studie Singular Plural Ways of Staging Together zu experimentellen Probeformaten im Tanz.