erinnerungen
blue nile to the galaxy around olodumare beginnt im Dunkeln. Es ist nicht einfach die Abwesenheit von Licht – es ist eine Einladung, das zu erkunden, was darunter liegt, in die Tiefen von Erinnerung und Bedeutung einzutauchen. Die ersten zehn Minuten herrscht pechschwarze Stille, und es liegt freudige Erwartung in der Luft. Umgebungsgeräusche – das Wummern eines Klaviers, alte Streichinstrumente – erfüllen den Raum und kündigen eine Geschichte an, die sowohl vertraut als auch fremd ist.
Für das Publikum ist die Dunkelheit ein Spiegel. Im Lauf des Stücks bringt das Gewicht des abwesenden Lichts eine Flut an Erinnerungen mit sich: eine Kindheit im Schatten von Stromabschaltungen, in der die Dunkelheit ein wiederkehrender Gast war. Ich sitze da und erinnere mich an die kleinen Ecken meines eigenen Zuhauses – aus Lumpen genähte Decken, die Aussicht auf Licht und die freudige Erwartung auf das, was zusammen mit dem Strom wieder zurückkommen würde. Einfach wissen wollen, was als Nächstes passiert.
Auf dieser Spannung baut die Performance auf. „Expectations“[1] gibt einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird: Ich habe natürlich freche Pantsula-Tänzer*innen erwartet, den unverwechselbaren Klang rasanter Beats, farbenfrohe, aufeinander abgestimmte Outfits, Getränkekisten, Besen und Geschichten aus dem Township-Leben, erzählt mithilfe von Tanz, Lachen, Rhythmus und synchronen Bewegungen. Aber mit dem Anschwellen der Musik löst sich dieses Bild in Luft auf und wird durch etwas Unerwartetes ersetzt. Die Musik, bewegend und stimmungsvoll, führt uns in ein unbekanntes Terrain – wo Pantsula nicht nur aus seinen üblichen Beats besteht, sondern durch eine komplexe erzählerische Komponente eine zusätzliche Ebene erhält.
Als sich der Horizont auf der Bühne aufhellt, werde ich in einen wiederkehrenden Kindheitstraum zurückversetzt – ein riesiger, unendlicher Lichtstreifen. Immer und immer wieder bin ich darauf zugelaufen, und jedes Mal hat er sich von mir wegbewegt. Er ist eine visuelle Metapher: die Vergangenheit – immer sichtbar, aber ewig außer Reichweite.
Plötzlich hört die Musik auf. Stille.
Dann – ein einzelner Klatscher. Ein Rhythmus. Schritte. Und WUMM – Jazz! Alice Coltrane.
In einer kühnen Wendung tanzt der Performer zu einer rhythmischen Verschmelzung aus Pantsula und Jazz. Es sind kein Aufeinanderprallen von unvereinbaren Gegensätzen, sondern eine nahtlose Zusammenführung von zwei Welten. Die schnellen, mechanischen Rhythmen von Pantsula treffen auf die fließende, improvisatorische Energie des Jazz. Ein gewagter Schritt, und ICH BIN BEGEISTERT! Das Ergebnis ist eine melancholische, aber gleichzeitig berauschende Erzählung, die über das Straßengeschichtenerzählen des traditionellen Pantsula hinausgeht und in einen eher introspektiven, universellen Bereich vordringt.
Es war unerwartet, aber es hat funktioniert. Eine Verschmelzung von Geschichten, die nicht anhand von vorhersehbaren Beats erzählt werden, sondern als emotionale, ja, geradezu melancholische Klanglandschaft. Es hat sich angefühlt, als würde meine Kindheit in Echtzeit neu geschrieben werden. Neu imaginiert.
Die Tänzer*innen – alle mit ihrer eigenen Geschichte – bewegen sich, als würden sie sich mit der Musik unterhalten. Langsames Stampfen und schnelle Slides gehen über in Momente der Improvisation mit spontanen Soli zwischendurch. Alice Coltranes weltvergessene Musik pulsiert durch den Raum, was die technische Präzision und emotionale Tiefe der Tänzer*innen noch verstärkt.
Ein Monolog von Sicelo Xaba bringt eine Wendung:
„Weißt du; die Zukunft ist eine viel bessere Richtschnur für die Gegenwart als die Vergangenheit. Du musst die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen. Wenn wir unsere Gegenwart neu imaginieren, uns unsere Zukunft vorstellen wollen, sollten wir damit beginnen, unsere Vergangenheit neu zu imaginieren. In der Gegenwart mit einer historischen Perspektive zu denken, ist die einzige Möglichkeit, um sich anschließend weiterentwickeln zu können.“
Er fordert uns auf, die Vergangenheit neu zu imaginieren, um die Gegenwart und damit die Zukunft zu verstehen. Dieser philosophische Exkurs verleiht dem Stück Textur und bettet ein abstraktes Konzept in eine konkrete Aufforderung zur Reflexion. Die Tänzer*innen reagieren, ihre Bewegungen bilden jetzt einen Dialog mit den Worten und untermauern den Denkansatz, dass unsere Geschichten nicht unveränderlich sind – sie entwickeln sich immer weiter.
Zur Musik von Bheki Mseleku wirkt in den letzten Momenten alles zusammen – präzise Bewegungen, Sprachgesang und Pfeifen, immer wieder durchbrochen vom eindringlichen Ausruf „Asambe!“ („Auf geht’s!“). Das Tempo steigert sich, die Energie strömt, dann verbeugen sich die Tänzer*innen und das Publikum reagiert mit tobendem Applaus.
Das Herausragendste an dem Stück ist, dass den Erwartungen trotzt. Der Genremix und das Ausloten von Erinnerung und Identität ergeben eine Performance, die sowohl intellektuell anregend als auch visuell beeindruckend ist. Dass im gesamten Stück kein einziges Mal gelächelt wird – die Gesichter der Tänzer*innen sind ernst, geradezu erhaben – fügt dem Gesehenen eine weitere Spannungsebene hinzu und verstärkt den Eindruck, dass es hier weder um Vergnügen noch um Spektakel geht. Sondern um etwas Tiefergehendes.
Auf meine Frage, warum während der Performance niemand gelächelt hat, gibt der Choreograf Jeremy Nedd mir eine einfache, aber tiefgründige Antwort: „Ein Lächeln kommt, wenn es kommt.“ Das erinnert mich daran, dass in diesem Raum – dieser Performance – alles seine Zeit hat. Und das macht ihn zu etwas Besonderem.
Nicht nur ein Tanztheaterstück, sondern eine Reise durch Erinnerung, Erwartung, Identität und Möglichkeit. Es hat mir bewusst gemacht, dass Tradition veränderbar ist, ohne deswegen an Bedeutung zu verlieren. Dass Vergangenheit und Gegenwart in neuen Sprachen miteinander sprechen können – und dass manchmal die Lichter nicht angehen müssen, um wirklich sehen zu können.
Futurelove Sibanda stammt aus Simbabwe und lebt in Österreich. Er ist Singer-Songwriter, Tänzer und Schauspieler. Seine bulawayanischen Wurzeln sind eine Inspiration für sein dynamisches künstlerisches Können. Mit einer Kombination aus Rhythmus, Bewegung und Gefühl hat er in unterschiedlichen Tanz-, Theater- und Musikproduktionen auf der ganzen Welt mitgewirkt. Derzeit ist er als Solosänger mit The World of Hans Zimmer auf Tour.
[1] von Keith Jarrett