loading

Zurücksetzen

Schließen

Alles zu Barrierefreiheit im TQW finden Sie hier.

Barrierefreiheit

Text anpassen

100%

Titel Hervorheben

Mehr Zeilenabstand

Mehr Zeichenabstand

Farben anpassen

Dunkler Kontrast

Heller Kontrast

Hoher Kontrast

Hohe Sättigung

Geringe Sättigung

Monochromatisch

Weitere Hilfen

Lesehilfe

Keine Animationen

Großer Cursor

TQW Magazin

Die Quadratur des Kreises

24.11.2025

©

© Hanna Fasching

Dr. Renée Gadsden über figures on a field von Dean Moss

    In Oktober 2025 fand im Tanzquartier Wien eine elektrisierende Europapremiere statt: Dean Moss’ figures on a field, ursprünglich 2005 in The Kitchen in New York aufgeführt. Die Aufführungen, die vom 23. bis 25. Oktober in der Halle G des TQW stattfanden, waren weit mehr als eine historische Hommage. Sie waren eine Meditation über Repräsentation und die sich wandelnden Bereiche der Sichtbarkeit.

    Dean Moss, dessen interdisziplinäre, konzeptuelle Praxis einen wichtigen Impuls für die experimentelle Tanzszene New Yorks in den 1990er- und 2000er-Jahren darstellte, präsentierte Wien ein Stück, das für seine Zeit radikal war und auch heute noch von drängender Aktualität ist. Es wurde ursprünglich in Zusammenarbeit mit der Malerin Laylah Ali choreografiert und ist von deren Greenheads Series inspiriert. Diese gemalten Zeichnungen, Porträts von mehrdeutigen, maskierten Figuren, strahlen trotz ihrer Comic-Ästhetik ein latentes Potenzial für gewalttätiges Handeln aus.

    Isabel Lewis, künstlerische Leiterin des Tanzquartier Wien (gemeinsam mit Rio Rutzinger), spricht begeistert davon, wie wichtig es ihr ist, dieses Werk nun, in ihrer Debütsaison 2025/26, als wegweisendes Stück der Tanzgeschichte zu präsentieren. Sie sah die Originalproduktion in New York und gibt nun, 20 Jahre später, dem Wiener und europäischen Publikum die Möglichkeit, dieses Glied in der Kette der bedeutenden afroamerikanischen Tanzgeschichte in einem neuen Licht zu erleben.

    Der Choreograf und Künstler Dean Moss begann das Stück mit einem Durchbrechen der vierten Wand. Die Tänzer*innen, die nacheinander die Bühne betraten, verließen diese sofort wieder, um sich mit zufällig ausgewählten Zuschauer*innen zu unterhalten und ihnen Smalltalk-Fragen zu stellen, wie man sie auf einer Cocktailparty stellen würde. Auch während der Performance unterhielten sich einige der Tänzer*innen (wenn sie nicht gerade physisch oder durch Blicke und gezielte Blickkontakte interagierten) miteinander, als befänden sie sich nicht mehr mitten in einer Aufführung, sondern in einer anderen sozialen Situation.

    Moss, der ebenfalls auftrat, wählte in Wien lebende Tänzer*innen (Mzamo Nondlwana, Evandro Pedroni, Imani Rameses, Jaime Lee Rodney und Daliah Touré) aus, um seine Choreografie zum Leben zu erwecken. Verflochten mit dem narrativen Strang der „traditionellen“ Choreografie war die Führung durch die Tanzperformance, geleitet von einer Tourguide, die von Christina Gillinger, Mitarbeiterin des TQW und keine ausgebildete Tänzerin, perfekt gespielt wurde. Die Führung fand auf der Bühne statt, während die Tänzer*innen auftraten. Gillinger animierte ihre Reisegruppe, Fotos und Selfies zu machen. Sie ermutigte sie, die alle eine zurückhaltende Körpersprache mit zögerlichen Bewegungen und Gesten zeigten, die Bühne zu überqueren, um die Aufführung aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen, und sich zwischen den Tänzer*innen hindurchzuschlängeln, die die Choreografie aufführten.

    Ein Tourguide ist eine Figur, die man von Museumsbesuchen kennt. Vielleicht ist die Einbeziehung dieses Elements in das Stück eine Anspielung auf die Malerin Laylah Ali, deren Werke vor allem im musealen Kontext rezipiert werden. Aber eine Führung während einer Live-Performance? Weder das Publikum noch die Teilnehmenden der Führung, die wie in einem Museum für die Führung bezahlt hatten, wussten genau, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Die Bedächtigkeit der choreografierten Bewegungen stand im Kontrast zur spontanen Unregelmäßigkeit der emotionalen Verwirrung der Tourteilnehmenden. Dies wurde durch die erbarmungslose gute Laune von Gillinger als Tourguide untermalt, die ihre im Grunde unwillige Gruppe entschlossen über die Bühne und durch die Handlung führte. Dieser Konflikt zwischen widersprüchlichen Signalen und Erwartungen schuf einen semiotischen Wirbelwind von Bedeutungen, der zwar nicht zu entschlüsseln, aber visuell reizvoll war.

    Die sichtbare emotionale Not der Teilnehmenden, die Unerbittlichkeit der Tourguide und die „künstlichen Bewegungen“ der vorab festgelegten Choreografie zwangen das Publikum, selbst einzuschätzen, wie viel Schadenfreude es sich zu erlauben bereit war. In diesem Tanzstück verkompliziert Moss den Blick als Mechanismus: Wer beobachtet, wer wird beobachtet, und was bedeutet es, im Kontext einer Performance als „Figur” dargestellt zu werden?

    Wenn man figures on a field als visuelles Gedicht lesen würde, würde man Moss’ Übersetzung von Alis grafischen, maskierten Silhouetten in choreografische Gesten und leicht karikaturhafte, wenig schmeichelnde Kostüme bemerken. Die Tänzer*innen bewegen sich nicht extravagant, sondern mit bewusster Zurückhaltung. Ihre Körper spiegeln die flache, grafisch dargestellte Bedrohung und Mehrdeutigkeit der Greenheads-Figuren wider. Das Werk hat einen dunklen Unterton, eine Stille, die vor Spannung pulsiert, als ob jede*r Tänzer*in ein Geheimnis mit sich trägt oder bereit ist, eine Schwelle zu überschreiten. Dean Moss fordert uns vielleicht auf, den physischen Körper als Text zu lesen, die Silhouetten nicht nur als Form, sondern als Zeichen von Macht, Verletzlichkeit und Andersartigkeit zu interpretieren.

    Letztendlich ist die Neuinszenierung von figures on a field in Wien nicht nur eine Wiederaufführung eines wegweisenden Werks, sondern ein erneuter Aufruf zur Aufmerksamkeit. Das Stück schreibt keine Bedeutung vor, sondern entführt uns in ein Feld der Ambiguität. Es ist eine poetische, politische und zutiefst emotionale Erkundung des sich ständig wandelnden Feldes menschlicher Beziehungen. In diesem Raum werden wir eingeladen, über unsere eigene Position nachzudenken — als Zuschauer*innen, als Körper und als historische Wesen.

    Die New Yorkerin Dr. Renée Gadsden ist Kunst- und Kulturhistorikerin mit Spezialisierung auf Gender Studies und arbeitet als Kuratorin, Kunstvermittlerin und Autorin u.a. für die Albertina, die Wiener Secession, das Belvedere, das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien und das Jüdische Museum Wien. Sie studierte Kunstgeschichte an der Brown University und der Universität Wien sowie Bildhauerei und Kultur- und Geistesgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien.
    Sie ist Mitglied des Kunstbeirats der Stiftung Ruth Baumgarte, Jurorin des Parallel Vienna/Bildrecht Young Artist Award und Korrespondentin der kunst:art. Gadsden publizierte zahlreiche Bücher und Essays und lehrte viele Jahre an österreichischen Universitäten; zudem ist sie Mitbegründerin des Instituts für Sprachkunst an der Angewandten. Sie lebt in Wien.

Weitere Veranstaltungen