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A non-linear thread moving into a queer time and space
02.12.2025
Ian Kaler, You are song, to me, Videostill
„A non-linear thread moving into a queer time and space“ – dieser Satz fällt im Rahmen der performativen Aktivierung von Ian Kalers Videoinstallation You are song, to me. Was Aktivierung bei Kaler und Romeo Roxman Gatt, mit dem Kaler für die Videoinstallation zusammengearbeitet hat, bedeutet, wird gleich zu Beginn der Veranstaltung im Raum spürbar.
Kaler lädt das Publikum zu einem Bodyscan ein – einer Achtsamkeitsübung, bei der im Liegen oder Sitzen die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper gerichtet wird. Die Aktivierung beginnt mit dem Fokussieren der Atmung. Anschließend wird das Ausatmen bewusst verlängert. Von Kaler angeleitet dient der Bodyscan nicht der Betrachtung oder der Vorführung, sondern wird zu einer geteilten Erfahrung, die die Anwesenden im Raum miteinander verbindet. Jede Person richtet die Aufmerksamkeit auf Körper und Atem – neben anderen sitzend oder liegend. Darauf folgt ein gemeinsames Schwingenlassen der Stimmbänder. Durch das Artikulieren von Vokalen entsteht ein gemeinsamer Klangkörper im Raum und zugleich ein Klangraum im eigenen Körper. So wird das titelgebende You are song, to me unmittelbar erfahrbar.
Anschließend sitzen die beiden Performer Rücken an Rücken und versetzen den jeweils anderen Körper mithilfe ihrer Stimme in Schwingung. Im weiteren Verlauf der Performance erschließen sich vielfältige Verbindungen zwischen Aktivierung und Videoinstallation. Atem- und Achtsamkeitsübungen wie eben der Bodyscan, die das Nervensystem beruhigen, dienen beispielsweise auch als Entspannungstechniken vor dem Freitauchen, um die Luft länger anhalten zu können.
Musik, Freitauchen, Schwimmen und Wasser ziehen sich als audiovisuelle Motive durch die aus drei Screens bestehende Videoinstallation. Zwei Screens stehen einander gegenüber, sinnbildlich für Dialog und Austausch zwischen den beiden Künstlern. Der dritte Screen hängt über den beiden stehenden an der Decke, er zeigt abstrahierte Wasserformationen und dient metaphorisch der Verbindung zwischen den anderen Screens. Der Dialog der beiden Künstler findet nicht nur auf der visuellen Ebene statt – etwa wenn sie bei einem Freitauchexperiment einander gegenüberzustehen scheinen –, sondern auch in einem längeren E-Mail-Austausch. Darin sprechen sie über das gemeinsame künstlerische Projekt, literarische und musikalische Referenzen, familiäre und menschlich-tierische Beziehungen und ihren Alltag. Dabei geht es um Lebensvorstellungen und Utopien ebenso wie um alltägliche Herausforderungen, die trans(-männliche) Personen erleben können, z. B. Schwierigkeiten damit, entspannt schwimmen zu gehen.
Ich verstehe die Kollaboration zwischen Kaler und Gatt auch als eine Praxis des t4t. T4t steht für trans-for-trans und beschreibt u. a. eine Fürsorgepraxis innerhalb von trans Gemeinschaften, etwa in Form von gegenseitiger Unterstützung und Bestärkung.[1] Besonders interessiert mich hier die Vorstellung von t4t als Prinzip und strukturierende Praxis für künstlerische Produktion, wie sie von Forschenden in den Trans(gender) Studies vertreten wird, darunter Cameron Awkward-Rich, Hil Malatino, micha cárdenas, Jed Samer oder Cáel M. Keegan.[2]. Diese Ansätze betonen zum einen, welche Bedeutung trans Kunst- und Textproduktion für verschiedene Formen des trans Selbstwerdens und der Selbstsetzung hat. Zum anderen diskutieren sie t4t kritisch – vor allem in Hinblick auf unterschiedliche und intersektionale gesellschaftliche Machtverhältnisse, die auch innerhalb von trans Gemeinschaften wirken.
Formal zeigt sich t4t nicht nur in der wechselseitigen Bezugnahme von Kaler und Gatt, sondern auch in der Anknüpfung an ähnlich dialogisch angelegte künstlerische oder literarische Praktiken, etwa an den Austausch zwischen Kathy Acker und McKenzie Wark in I’m Very into You: Correspondence 1995–1996 oder an Gatts in Malta initiiertes Archivprojekt Rosa Kwir.
Wichtig ist zudem der Austausch über künstlerische Praktiken und Positionen, die die jeweilige Arbeit der beiden Künstler prägen, wie jene von Eileen Myles und Andrea Gibson oder Gedichte von Mary Oliver. Der Aspekt der Fürsorge, der t4t innewohnt, weitet sich in der performativen Aktivierung als sorgfältig choreografierte transmediale künstlerische Praktik aus und schafft so vielfältige Anknüpfungspunkte für trans und queere Raum-Zeit-Gefüge – und darüber hinaus.
Jul Tirler forscht an den Schnittstellen von visueller Kultur, Film- und Medienwissenschaft sowie Trans Studies. Dey hat den Sammelband Trans* und Inter* Studien. Machtkritische Perspektiven auf Repräsentation, Medizin und Wissen (2025) mitherausgegeben und ist derzeit Postdoc im Forschungsprojekt Queer Cinema Austria 1906–2026 (qca.univie.ac.at).
[1]Vgl. Cameron Awkward-Rich, Hil Malatino, „Meanwhile, T4t“, in: TSQ: Transgender Studies Quarterly, 9. Jg., Heft 1, 2022, S. 1–8, hier S. 2.
[2]Vgl. ebd.; micha cárdenas, „General Editor’s Introduction: The Love Praxis of Trans Speculation“, in: TSQ: Transgender Studies Quarterly, 12. Jg., Heft 1, 2025, S. 1–3, hier S. 2; Jed Samer, Cáel M. Keegan, „Introduction: Trans Speculation in the WTF“, in: TSQ: Transgender Studies Quarterly, 12. Jg., Heft 1, 2025, S. 4–11.