Über Uns

"Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist." (Heinrich von Kleist)
 

Das Tanzquartier Wien (TQW) ist eines der wichtigsten Häuser in Europa, wenn es um das Weiterdenken und die Förderung von zeitgenössischem Tanz und Performance, sowie den damit in Verbindung stehenden theoretischen Diskursen und Positionen geht. Vor dem Hintergrund eines transdisziplinären Kunstverständnisses, das sich auch in der Lage des TQW inmitten des MuseumsQuartier Wien wieder findet, bestimmen das Erspüren von gegenwärtigen Entwicklungen und richtungweisenden Tendenzen im Tanzschaffen und die dialogische Nähe mit den Künstlerinnen und Künstlern unser Handeln ebenso wie die Formate.

Künstlerische Prozesse sind uns wichtig: Sie werden von uns empfangen, initiiert, betreut, geschützt aber auch im Risiko begleitet. Offene Enden aufzugreifen, sie weiterzuführen und im Dazwischen von Arbeitsprozess und Produktion zu vermitteln, sind zentrale Motivationen für die Kuratierung des internationalen Gastspielprogramms, lokaler - und perspektivisch auch internationaler - Koproduktionen, KünstlerInnen-Residenzen, der Workshop- und Vermittlungsangebote oder offener Projektformen, die Aspekte der künstlerischen Forschung in das Augenmerk rücken.

Integrativer Bestandteil der Programmgestaltung und -entwicklung ist das tanz- und performance-theoretische Wissen, das seit seiner Gründung maßgeblich vom TQW mitgestaltet wurde. Die avancierte und kontinuierliche Theorieentwicklung wird weiterhin mit historischen Konzepten in Bezug gesetzt, und die Verbindung von Artikuliertem und Unartikuliertem in der künstlerischen und theoretischen Praxis und Befragung wird im Zentrum des Interesses stehen.

Ab der Saison 2009/10 liegt ein besonderer thematischer Blick auf der Auseinandersetzung mit dem Choreografischen: Als raum-zeitliches Struktur- und Gestaltungsprinzip, als dynamischer und wahrnehmungsorientierter Dialog mit den Zuschauern oder als Moment der Begegnung von künstlerischem Schaffen und sozial-gesellschaftlicher Entwicklung werden konstitutive Aspekte, Prozesse und Wirkweisen von Choreografie zum Fokus konzentrierter thematischer Verdichtungen.
Dabei geht es nicht um die Affirmation von Tanz in Differenz zu anderen Künsten und Gestaltungsprinzipien: Über den Einsatz und die Übernahme von Medien hinaus interessieren wir uns vielmehr für das choreografische Verständnis in Tanz, Performance und anderen Disziplinen und für ein Sprechen 'in' und 'mit' Choreografie, das das Überbordende und die Entgrenzung der Kunstform impliziert. Mitgedacht ist zudem eine Öffnung hin zu einer 'Choreografie des Sozialen', also Elementen und Dynamiken von Bewegung und Bewegtheit in Kultur, Gesellschaft und politischem Leben.

Das offene Haus wird noch mehr zu einem gastfreundschaftlichen Raum. Das TQW ist Ort und Akt der Begegnung mit zeitgenössischer choreografischer Kunst zugleich, und will aktiv Öffnungen und Motivationen schaffen, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit Tanz und Performance ermöglichen, ohne daraus eine Notwendigkeit zu formulieren. In einer zeitgenössischen Geste der Einladung wenden wir uns neben dem bestehenden diskursfreudigen Publikum an Zuschauer, die Lust an der sinnlichen Wahrnehmung, aber auch einer wachsenden Auseinandersetzung mit Tanz und Performance haben.

Über ein grundsätzliches Willkommen-Heißen hinaus, werden auch Rechte und Pflichten der Gastfreundschaft, von Territorium und (künstlerischen) Sprachen, relevant. Nicht das absolute Verstehen ist das Ziel. Vielmehr gilt es, die sich auftuenden Asymmetrien, Leerstellen und Sinneserfahrungen als Aufforderung für einen lustvollen Austausch von Kunst und Theorie, Publikum und Künstlern zu nehmen. Auch dies ist Gastfreundschaft und bezieht die Rolle des TQW als Institution mit in die Diskussion ein.

Gemeinsam mit den Künstlern und dem Publikum wollen wir Pfade durch die vielfältigen Topografien der choreografischen Landschaft vor-/schlagen. Gegenwärtiges und Historisches, Bestehendes und noch Fiktives umstülpen, von links waschen, uns auf die Reise begeben und begeistern zur Teilhabe an einer der spannendsten Kunstform der Gegenwart und der Zukunft.