Theorie & Medienzentrum

 

 

REDEREIHE
Die Listen des Lachens
Zur Interferenz zwischen dem Komischen und dem Performativen

 

Nächster Vortrag innerhalb der Reihe:

RAINER NÄGELE  (LI/US)
Der doppelt gespaltene Körper
FR 9. MÄRZ 2012
18.00 h in TQW / Studios

Worüber lachen wir noch im Theater – und wissen nicht warum und ob? Und inwiefern prägt diese Verunsicherung die Möglichkeitsbedingungen des Komischen? Und aber auch des Performativen? Und was hat das zwischen Auflistung und Wiederholung und Differenz fragend repetierte „und“ mit der konjunktiven, zugleich zusammenfügenden und aus den Fugen geratenen, nur Möglichkeitssinn markierenden Gegensinnigkeit zu tun, die das Lachen artikuliert – das Lachen als „ein Chaos der Artikulation“ (Walter Benjamin)?

Inwiefern prägt das Lachen als verkörperte Desartikulation, als Spannung zwischen Sprache und Körper Tanz und Performance heute? Inwiefern  formt es ihr kritisches Potenzial? Markieren wohl das Komische wie das Performative die Aporien der Konventionen, das Verfehlen von Ort und Zeit, die Chancen des nur möglichen Scheiterns, das Verzweifeln des Körpers an der Sprache und umgekehrt, den Lapsus als Indiz des Verdrängten, die Kraft des Diffusen, den rasanten Stillstand der Pointen. Und all die Krisensymptomatik des Performativen, in der Körper und Sprache einander umstülpen, aneinander vorbei reden, vorbei gehen, ineinander kollidieren.

Als Reaktion auf eine Rhythmus-Kollision markiert das Lachen das vibrierende ästhetische Intervall zwischen den Parallelwelten, denen wir, komische Menschen, simultan angehören. So komisch wie jene Liste bzw. unmögliche Taxonomie in Jorge Luis Borges’ Text, der die Tiere wie folgt gruppiert: „a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) nicht abzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die vom weitem wie Fliegen ausschauen“.

Im listenreichen Rhythmus des Unvernehmens schließt das Lachen paradox parallele Artikulationsebenen kurz und problematisiert jede unhinterfragte Maschinerie von Gemeinschaft und Repräsentation, die es ins Stocken bringt, indem es darin – wie im Hals – stecken bleibt. „Split the audience […] Give them the taste of laughing alone”, instruiert Tim Etchells. Das Lachen als einsame List der aufgehobenen Zusammengehörigkeiten und Konjunktionen, als List der Listen, die die Kontroll- und Entlastungsfunktionen des kollektiven Lachens verteilt und vereitelt. Und trotzdem lacht.

Konzept: Krassimira Kruschkova, Leiterin des Theorie- und Medienzentrums, Tanzquartier Wien.

 

 

 

Sibylle Peters / Kai van Eikels:
Warum man sich nicht selber kitzeln kann ... im Rahmen der Redereihe "Die Listen des Lachens"

 

Gerald Siegmund: Stolpern, Aussetzen, Nachahmen im Rahmen der Redereihe "Die Listen des Lachens"