VORSPIEL

MOMENTE DES UMSCHLAGS. PUSH AND PULL

Desorientierung, Destabilisierung, Heterogenität – diese Beschreibungen des Prekären sind nicht mehr länger ökonomischen oder sozialen Entwicklungen vorbehalten, sondern haben ebenso Eingang in aktuelle Analysen von Tanz und Performance gefunden. Unsere Beobachtungen gelten der Auflösung historischer Kategorien, einer radikalen Simultaneität von höchst unterschiedlichen stilistischen und geopolitischen Zugängen und schwindenden Möglichkeiten, künstlerische Entwicklungen mit bekannten Kategorien wie Medien, Identität oder Gender oder Zuschreibungen von Moderne oder Post-Moderne zu fassen.
Das Wiederauftauchen des schillernden Phänomens des Zeitgenössischen zeugt von diesen Umwälzungen: Zwischen vager Diagnostik und Versprechen von Offenheit und Flexibilität, in Reaktion auf tiefe Transformationen in der Ordnung der Welt und anschließend an eine Reihe prominenter Rekonstruktionen und Re-Enactments in der Performancekunst, verweist es auf ein verändertes Verhältnis zur (Kunst-)Geschichte und eine gemeinsame Suche nach einem In-der-Welt-Sein.
Die im Rahmen der Kuratierung Push and Pull eingeladenen Projekte zielen – im Verweis auf Allan Kaprows gleichnamige performative Installation – auf eine komplementäre Bewegung zwischen Erfahrungen von Unmittelbarkeit und ihren diskursiven Wendungen, die vor allem für das Feld der zeitgenössischen Choreografie und Performancekunst konstitutiv sind. Dem Chiasmus von formalistischen und sozial-politischen Strömungen verhaftet, beschreiben sie physische und diskursive Gesten der Repositionierung und Reformulierung und betonen innerhalb eines relationalen Gefüges die Momente des Umschlags: Mehr als um Akte der Fixierung oder der autopoietischen Definition, handelt es sich um Bewegungen gegenseitigen Abtastens, aus denen heraus Aussagen entstehen, verhandelt und vorübergehend gesetzt werden.
Die gezeigten Projekte stellen ein geteiltes Interesse an Zusammenarbeit in den Vordergrund und fragen nach den Wirkweisen und Strategien der Überschreitungen, die die KünstlerInnen in diesen Prozessen in andere Wissensfelder vornehmen. In ihrer Suche danach, den Resonanzen eines instabilen Grunds in diesem vielschichtigen Ineinander-Greifen und Verwischen eine temporäre verbindende Form zu verleihen, werden Alltag und Gegenwärtiges ebenso wie Fragen der Lesbarkeit und des Affekts verhandelt und – in diesen Momenten des Umschlags – Anstöße an neue Verstehens- und Vermittlungsprozesse formuliert.

(Autorin: Sandra Noeth/Leitung Dramaturgie TQW; Text aus TQW Programmheft OKT. 10)

Push and Pull ist eine gemeinsame, ineinandergreifende Performance-Reihe von Tanzquartier Wien und
MUMOK in Zusammenarbeit mit Tate Modern London und kuratiert von Barbara Clausen, Walter Heun, Achim Hochdörfer, Kathy Noble, Sandra Noeth und Catherine Wood.