30. 09. 2015

Theresa Luise Gindlstrasser

Gestern, das war Freitag der 25. September 2015, habe ich sechs Stunden unter Tag verbracht. War also von 11 Uhr bis 18 Uhr in der Halle G bei der Saisoneröffnung des TQW. Naja, jedenfalls fast. Weil rauchen, weil Tageslicht und so weiter. Unten aber, „Unter Tag“, 24 Stunden, 3000 Kubikmeter Raum, Eintritt frei. Eine kuschelige Blackbox ohne Sitzordnung, Sanitäranlagen, Küche, aja, Essen um 12 Uhr und um 15 Uhr. Genau, gegessen habe ich Kartoffeln mit Käse und später die besten gebackenen Mäuse, ich glaube so heißt das, überhaupt jemals. Und währenddessen gedacht habe ich folgendes:
 
Das ist der Bauch von einem großen Lebewesen, einem Wal wahrscheinlich, nein oder einfacher der Bauch von einem Schiff in dem die Lichtverhältnisse schwanken und die Menschen sich ihrer prekären Lage gemäß ganz sachte bloß miteinander unterhalten. Arche Noah, Arche TQW. Draußen Regenwien und drinnen solche die was Neues anfangen wollen. Die eine Saison anfangen wollen, oder auch ganz was anderes, weil gesprochen haben nicht nur Kunstschaffende im Bereich Performance und Choreografie, haben auch Menschen wie Helene Ziniel, die am Naschmarkt einen Stand betreibt, oder Heidi Achter, Hebamme. Die Hebammenkunst, Platon nennt das Mäutik und lässt in seinen Dialogen den Sokrates eben sowas wie eine Hebammenkunst im Umgang mit den Gesprächspartnern betreiben, jedenfalls ist die Hebammenkunst kein schlechtes Stichwort zum Verständnis der Veranstaltung. Mäutik und Arche. Und dann eigentlich auch noch Arché. Weil nämlich die Arche kommt nicht vom griechischen arché für Anfang, Prinzip, Ursprung. Kommt sondern vom lateinischen arca für Kasten. Also Mäutik, Arche und Arché.
 
Zwischen der bloßen Bereitstellung von Raum, Essen, Decken und GesprächspartnerInnen haben die von den veranstaltenden AO&, Marino Formenti und Tanzquartier Wien geladenen Gäste über ihre Impulse und Motivationen gesprochen. Also wie kommt es dazu, dass ich das und das tu und nicht das und das, was treibt mich da an und wie erlebe ich das. Das ist alles sehr privat und sehr psychologisch und wenn auch manchmal, wie bei Anat Stainberg der Beitrag durchaus performative Formen annahm, war die Veranstaltung doch ein Ort, also eine Arche, an dem das Setting, also die Stimmung der Mäutik, ganz viel ernstzunehmendes Gespräch über private und psychologische Arché beförderte.
 
Befördert haben die Stunden da unten auch das Nachdenken über die eigene Motivation. Marino Formenti hat ganz viel Klavier gespielt, oh der Flügel!, derweilen lagen ich und die anderen auch mal mit geschlossenen Augen. Gegen 17 Uhr wurden die anderen immer mehr. Und die anderen und ich, wir waren ja dezidiert nicht nur als Publikum angesprochen, sondern durften uns auch unter die Gäste zählen. Weil, nach jeder Essenspause wurden die Namen der Neuangekommenen verlesen. Alle da? Ja. 
 
Dieser Umgang mit den Menschen als Gästen lässt sich auch sehr gut mit einer Aussage Arne Forke in Verbindung bringen. Der Dramaturg sprach von seiner Arbeit als dem Luxus zusehen zu können und nein sagen zu können. Nein ist manchmal einfacher als ja. Und manchmal auch nicht. Jedenfalls erlaubt das Gast sein in der kuscheligen Blackbox nochmal was anderes als ein einfaches zusehen und nein sagen. Ich habe überhaupt nicht viel gesagt. Ich habe gehört und gegessen und gedacht.
 
 
 
*geboren 1989. Studium Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz, außerdem Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Jetzt an der Akademie der bildenden Künste und Masterstudium Philosophie in Wien. Freischaffende Journalistin vor allem im Performance- und Theaterbereich [gift, Die deutsche Bühne, nachtkritik, u.a.]. Vorträge, Performances, Texte; oft zum Thema Sprache, Macht, Wucherung.
 
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Anna Pflügel
 
Es ist ein regnerischer Abend, als ich mich auf den Weg zu Unter Tag ins Tanzquartier aufmache. Die Höfe des Museumsquartiers sind beinah menschenleer, vereinzelte Regenschirme bewegen sich über das Gelände. Den Eingang finde ich, weil ein paar Menschen in der Tür stehen, rauchen und dem Regen zuschauen.
 
Ich gebe auf Nachfrage meinen Namen an, der in Großbuchstaben zu den anderen Namen auf ein Stück Karton geschrieben wird. Es ist die Gästeliste, die später vorgelesen wird.
Dann begebe ich mich auf den Weg nach Unter Tag. Ich steige ein graues Stiegenhaus herunter, stehe vor zwei Türen. Wohin? Links steht Abstellkammer, rechts nichts. Ich nehme die rechte Tür. Weitere Stufen. Nichts lässt bis jetzt auf eine Veranstaltung schließen. Die nächste Tür, die ich öffne, lässt mich wissen, dass ich angekommen bin.
 
Ich betrete den Raum. Schwarz, grau, eine Höhle. Wie Berge steigen links und rechts Tribünen auf. Rechts ein größerer Berg, links ein kleinerer auf dem ein Flügel thront.
Es riecht nach essen, vertraut. 
Menschen sitzen und liegen auf den Bergen verteilt, einige stehen im Tal dazwischen, unterhalten sich, essen. Expressive und sanftes Klavierspiel wechseln sich ab. Ich entscheide mich, ein Stück den Berg hochzusteigen und setze mich, als das Licht gedimmt wird.
Eine Frauenstimme ertönt, ich suche eine Weile, bis ich die Sprecherin entdecke. Doris. Sie sitzt ein Stück hinter mir, auf dem Berg. Sie hat ein Mikrofon in der Hand und erzählt von ihren Motivationen als Choreografin. Von dem Moment, wenn die Tänzer ihre Choreografie übernehmen und zu ihrer eigenen machen. Von der Unruhe, dem Leben, dem choreografierten Alltag, der Trägheit, die einen lähmt und dem Feuer, das nach Arbeit schreit.
 
Kurze Pause, es wird wieder hell.  Ich habe Zeit, die Menschen in meiner Umgebung zu beobachten. Jungfamilien mit Säuglingen, Kinder die durch den Raum rennen, und viele Grüppchen unterschiedlichster Menschen. Sie ist schön zu beobachten, all die Menschen die ungezwungen sitzen und liegen, beinah wie bei einem Picknick, nur nicht im Park sondern in der Halle G des Tanzquartiers, auf einem Berg, in dieser grau schwarzen Höhle der Geborgenheit.
 
Auf Doris folgen während der nächsten Stunden zahlreiche Erzähler_innen, die nicht nur Künstler_innen und Choreograf_innen sind, sondern Menschen aus allen Lebenslagen. Man muss sie suchen wenn man ihre Stimme hört. Suhaib, ein syrischer Flüchtling, der uns daran erinnert, mit innerer Ruhe und Motivation auf Mitmenschen zuzugehen. Malika, die ein Gedicht vorträgt – „... I swalloed this toy called love... my life is not a picknick, I didn’t pick it, it picked me...“
Christine, die Mut als künstlerische Kategorie herausfordert. Thomas der Immobilienmakler, der feststellt, dass all sein beruflicher Erfolg nicht ganz glücklich macht, dass er das Gefühl hat: „Ich könnte alles machen, was ich will, aber ich selbst hindere mich daran...“
Ein Redner der hervorhebt, dass wir alle nicht wissen was wir tun, aber dass wir nicht nichts tun können. Estuardo, der kaffeeröstende Anthropologe aus Guatemala, den das motiviert, was er ablehnt. Er erzählt, dass er morgen Geburtstag hat und bekommt natürlich später ein Geburtstagslied gesungen.  Bruno der Steuerberater, dem kreative Lösungen Spaß machen. Alfred der Suchtforscher, der den Faktor Zufall und das Spannungsbild zwischen Logik und Verstand hervorhebt.
Zwischen all diesen persönlichen Vorträgen über die Motivationen des Lebens all dieser Menschen erklingt immer wieder das Klavierspiel von Marino Formenti, das manchmal in Gedanken versinken lässt, manchmal zum Lachen bringt oder die Stimmungen neutralisiert.
All diese persönlichen Lebensmotivationen zu hören und über sie nachzudenken, zu merken wie unterschiedlich sie alle sind, und dass sie doch mehr gemeinsam haben, als man denken könnte, schafft eine ganz eigene, sehr persönliche und doch nachdenkliche Stimmung.
 
Während der Zeit, die ich anwesend bin, ändert sich das Publikum beinah lautlos. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, ohne dass es auffällt.  Erst sind die Familien mit den Kleinkindern weg, dann fehlen auch die kichernden, spielenden und rennenden Kindergeräusche. Die Stimmung wird mit späterer Stunde scheinbar ausgelassener, der Applaus ein bisschen lauter, die Rufe stärker. Ob das an der sich immer weiter aufladenden Energie des Raums, am Wodka oder an den Menschen liegt, die gerade anwesend sind, lässt sich schwer sagen.
 
Als ich das Tanzquartier verlasse, regnet es immer noch. In der U-Bahn-Station, die so hektisch, laut und hell ist, wünsche ich mich in den geborgenen Raum der Höhle zurück. Die Realität scheint mir in dem Moment beinah zu hart.
 
 

*geboren 1986. Studium der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, zudem Abendkolleg Schmuck und Design. Die Herbststraße, Wien. Außerdem Fernstudium der PR- und Öffentlichkeitsarbeit in der Freie Journalistenschule Berlin. U.a. Mitarbeit bei Initiative für neue Wirtschaft (Öffentlichkeitsarbeit zur Wirtschaftskammerwahl), Publikationen u.a. in Lateinamerika anders.

29. 09. 2015

 

Demnächst gastieren u.a. im Tanzquartier Wien:

ALIX EYNAUDI
Edelweiss. ein getanztes Rebus

FR 23. + SA 24. OKT,  20.30 h
in TQW / Halle G

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METTE INGVARTSEN
69 positions

MI 28. + DO 29. OKT, 19.00 h
in TQW / Studios

„Ein Abend zwischen Fesseln und Entfesselung“ (Tagesspiegel)
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METTE INGVARTSEN
7 pleasures

FR 30. + SA 31. OKT,  20.30 h
in TQW / Halle G
„Die Lust an sinnlicher Präzision“ (Deutschlandradio)
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Wir danken der Botschaft von Belgien - Generaldelegation der Regierung Flanderns für Ihre freundliche Unterstützung!
17. 09. 2015

Pressekonferenz für Herbst/Winter 2015

Bild oben link /recht / unten rechts: sv.l.n.r. Krassimira Kruschkova (Leitung Theorie) // Walter Heun (Künstlerische Intendanz) // Gabrielle Cram (Leitung Dramaturgie) // Arne Forke (Leitung Produktion, Dramaturgie)

Bild unten links: Arno Böhler (gemeinsame Leitung mit Krassimira Kruschkova bei SCORES #10 // Philosophy On Stage "artist philosophers - Nietzsche et cetera"