29. 04. 2013

Herzlichen Dank allen BesucherInnen, VeranstalterInnen, Kooperationspartnern und KünstlerInnen für vier intensive und bereichernde Tage FEEDBACK [2nd edition]! Es war toll Sie / Euch alle bei uns am Tanzquartier Wien zu haben!

Fotos: eSeL.at, Angela Bedekovic, Claudia Dlapa, Elisa Weingartner

25. 04. 2013

VORSPIEL / KAPITEL EINS

Mit seinem vieldiskutierten Buch Decolonising the Mind traf der kenianische Schriftsteller Ng˜ug˜ı wa Thiong’o 1986 die Entscheidung, fortan nur noch in seiner Muttersprache G˜ık˜uy˜u zu veröffentlichen. Damit markierte er nicht nur einen Bruch in seiner Karriere als erfolgreicher englischsprachiger Autor. Vielmehr manifestierte sich in diesem künstlerischen wie politischen Akt ein offensichtliches Problem, das das Verhältnis der AfrikanerInnen zu ihren lokalen Sprachen und den Sprachen der kolonialen Besatzer betraf und das sie zu BesucherInnen in ihrer eigenen Kultur werden ließ: praktische Herausforderungen der Aneignung und der Beherrschung der Sprache ebenso wie solche, die die Herstellung und Erfahrung von Identität, von Nation, von Gesellschaft in einem fremden imaginären Raum betreffen. Jenseits des spezifischen Kontexts stellen sich mit diesem individuellen Fall Fragen, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Ethnozentrismus und Dezentralisierung und von Debatten um die (Un-)Gleichheit der Zivilisationen auch Fragen der Kunst und des Kunstmarktes sind. Dann, wenn eine immer schon vielstimmige kulturelle und künstlerische Praxis die Voraussetzungen des Interkulturellen im »Kampf der Kulturen« (Samuel Huntington) selbst destabilisiert und wenn die Grenzen, an denen das Eigene im Fremden verläuft, unscharf werden. Dann nämlich, wenn es um die Einladung von und die Auseinandersetzung und Konfrontation mit immer anderen künstlerischen Sprachen und Körpern geht.

Der Dialog der Kulturen und der Künste darf sich dabei nicht als probates Allheilmittel in einem offenen Versprechen, in unserer Sehnsucht nach Konsens, in Nivellierung oder in Prinzipienstreitigkeiten erschöpfen. Er kann nicht als idealistisches, in abgeschlossenen Einheiten gedachtes oder in Hierarchien organisiertes System beschrieben werden, sondern muss vielmehr die Möglichkeit eines agonalen Dialogisierens einschließen. Eine Perspektive, die die Brüchigkeit und das Komponierte unserer eigenen Position ebenso wie die des anderen braucht, um uns miteinander in Verbindung setzen zu können.

Wenn also auch in der kommenden Spielzeit scheinbar ›fremde‹ Körper und Körperkonzepte Raum finden, geht es nicht um die Affirmation von Differenz um der Differenz willen. Vielmehr wird damit der Vorschlag in das gesellschaftliche Spiel geworfen, ausgehend von künstlerischen und diskursiven Ideen an einer Politik der kleinen Schritte zu weben. An einer Begegnung, die unsere eigene Position neu vermisst, die die Bewegung der Annäherung und bestehende Nähen in den Mittelpunkt rückt und etwas Gemeinsames zu entwickeln sucht. Die an einer Textur arbeitet, in der die Körper in allem, was sie verbindet, immer nur als Ausnahme bestehen können. Die uns die Möglichkeit anbietet, uns jenseits von Vereinnahmungen und Kontrolle auf andere Kontexte, auf andere Geschichten und Geschichtsschreibungen, auf eine andere – eine gemeinsame – Imagination von Welt einzulassen, die eine künstlerische, aber immer auch eine gesellschaftliche ist. Eine Begegnung zu erproben, die sich ernst nimmt in dem Versuch, im Zeigen, im Willkommen- Heißen, in der Erfahrung des scheinbar Fremden dazu beizutragen, den »Kolonialismus im Geist« abzuschaffen.  

 

VORSPIEL / KAPITEL ZWEI

Zeugenschaften, private und öffentliche, Geständnisse, spontane und geplante, Erinnerungen und Fiktionen: Die Frage, wie wir uns mit dem Geschehenen und dem Sich-im-Ereignen-Begriffenen in Verbindung setzen, ist auch der zeitgenössischen Kunst ein Motiv im doppelten Sinne: Antrieb und in gleicher Weise Gegenstand, markiert es wohl einen Ort, an dem der Wunsch des Festhaltens ebenso Raum greift wie die Verpflichtung zur Erinnerung; an dem Mechanismen der Zuschreibung, das Band der Empathie und das Trauma des Vergessens ineinanderfallen.

Die Entscheidung von KünstlerInnen, sich heute mit dem Dokumentarischen zu beschäftigen, ist deshalb mehr als eine Reminiszenz an das politische Theater seit den 1960er-Jahren, das auf die Überprüfung und Diskussion politischer Haltungen und nicht zuletzt auf das direkte, direktive Engagement des Einzelnen abzielte. Über die Annahme einer objektiven, authentischen Wirklichkeit hinaus, der der Geruch der ideologischen Verfangenheit anhaftet und die die Kunst zu Ausführungsgehilfen unterschiedlicher Lebens- und Handlungsstrategien funktionalisieren würde, ist es eben die Ambivalenz des Involviertseins, die sie in ihren Arbeiten ausstellen und aktualisieren. Dann nämlich, wenn die eigene, so individuelle Stimme im Moment des Sicheinmischens uns nicht mehr ganz gehört; dann, wenn sie in all ihrer physischen Verbundenheit, in ihrer Resonanz, im Akt der Adressierung einem anderen, gemeinschaftlichen Körper Ausdruck verleiht. Wenn sich die Körper einmischen, erinnern sie uns nicht nur an einen geteilten Grund. Vielmehr widersetzen sie sich mit den Mitteln des Dokumentarischen und in der Performativität ihrer Bewegungen dem Weiterbauen alter und neuer Chronologien, der massenhaften, symbolhaften Verbreitung von Stellvertreterschaften und einem zu schnellen Vergessen unter den Vorzeichen des Neuen, von Integrität und Lesbarkeit.

Indem sie in das Protokoll von Begegnungen, Bildern, Ereignissen und Erzählungen eingreifen, arbeiten sie am Deutlichmachen der vielfältigen Interferenzen und medialen Überlagerungen und an der Erschließung gegenläufiger Narrationen, die auch eine Neubewertung historischer Prozesse ermöglicht: an einer Praxis alternativer Geschichtsschreibung, die das Choreografierte unserer Artefakte, Autorschaften und Perspektiven als Potential erkennt. 

 

VORSPIEL / KAPITEL DREI
On Addressing  

Mit einem Adieu wandte sich Jacques Derrida in seiner Grabesrede auf dem Pariser Friedhof Pantin seinem Ende 1995 verstorbenen Freund und Lehrer Emmanuel Levinas zu. Ein Adieu, ein Abschied, aber auch eine Öffnung, ein Sich-Hinwenden – à Dieu, zu Gott hin – zu einer Instanz, einer Erfahrung, die unserem Sprechen vorgängig bleibt: hin zu einer bedingungslosen Ethik. Als grundlegendes Prinzip unseres Handelns und Zusammenseins gefasst, ist es gerade dieser Akt der bedingungslosen Ansprache des Anderen, der uns heute in Gesellschaften, die aus verschiedensten ethnischen und religiösen Gruppen bestehen, immer wieder mit den drängenden Problemen unserer Zeit konfrontiert.

Der Akt des Adressierens ist auch eine zentrale Bewegung des Religiösen, eine Bewegung, die sich in und durch Körperlichkeit ereignet. SCORES N°6: on addressing platziert den (tanzenden) Körper im Zentrum eines Denkens des Religiösen und eines damit verbundenen Handelns: was die konkrete körperliche Dimension von religiösen Erfahrungen und Praktiken betrifft ebenso wie im Versuch, diejenigen Körper zu fassen, die im Kontext unterschiedlicher Religionen entworfen, verhandelt und projiziert werden. Dabei unterliegt der Körper einem doppelten Akt der Gewalt, indem er den hegemonialen Körpervorstellungen der Moderne ebenso unterworfen ist wie dem Blick der Tradition. In Worten, Formen und Bildern ist er Gegenstand verschiedener, medialisierter und live sich ereignender Narrative – und doch gehört ihm oftmals seine eigene Sprache nicht. Der Körper stört und verstört diese Besitzlosigkeit, wenn er in der Bewegung, im Bewegt-Sein aus sich selbst ausbricht. Er ist mehr als die Frage von Darstellbarkeit, Repräsentation oder Vergleichen, mehr als die Suche nach Identität und Weltverständnis oder die Aufladung des Religiösen mit Wahrheit. In ihren Bewegungen des Einschreibens, im Moment des Mobilisierens, sind die Körper der Religion die Suche nach der eigenen Sprache selbst – physische wie diskursive Akte der Ermächtigung.

In diesem Sinne interessieren sich die künstlerischen und theoretischen Beiträge von SCORES N°6: on addressing nicht für die Re-Inszenierung politisierter, symbolisch aufgeladener und aufgeheizter Debatten über und in den Religionen. Im Wissen um die Schwierigkeit, religiöses Erleben, Glaube und Einkehr, zwischen Öffentlichem und Privatem, teilbar zu machen, geht es – den Bewegungen der Körper folgend – darum, die Gleichzeitigkeit unserer Erfahrungen zu denken. Um dann, wenn sich die Körper, ganz in Sinne des Choreografischen, in Bewegung in Raum und Zeit begriffen, jeder Trennung von Physik/Metaphysik, von Materie/ Geist, von Spirituellem/Rationalem widersetzen, dem Gedanken zu folgen, dass jeder Akt der Adressierung, des Sich-Hinwendens vielleicht auch ein Akt des Tanzens ist.

 

VORSPIEL / KAPITEL VIER

Can non-Europeans think?, fragte der iranisch-amerikanische Kulturphilosoph Hamid Dabashi in einem Beitrag auf Al Jazeera und reagierte damit auf einen Artikel von Slavoj Zˇ izˇek, in dem dieser die heutige Landschaft der Philosophie in einer skizzenhaften Liste exemplarischer Namen umriss: Denker und Denkerinnen, denen bei aller Stellvertreterschaft in einem heterogenen Feld eines gemeinsam scheint, nämlich ihre durchgängig starke europäische Prägung.

Can non-Europeans dance?, ließe sich nun in Hinblick auf den zeitgenössischen Tanz weiterfragen und an eine Tanzgeschichtsschreibung denken, deren Fokussierung auf Europa und Nordamerika sich nur langsam öffnet, oder an diverse auf Körper und körperliche Praxis basierte Erklärungsversuche von Fremdheit und Abgrenzung, die uns nach wie vor im Kontext sozialpolitischer Debatten ebenso begegnen wie als ästhetische, exotisierende Vorschläge.  Natürlich kann es hier nicht um ein Plädoyer für Globalität oder um bloße Provokation gehen, die die Singularität künstlerischer und philosophischer Positionen außer Acht lassen würde.  Und die Engführung der Frage auf eine europäische / nicht-europäische Differenz wird umso mehr verstört, wenn sie der Vielfalt der tänzerischen und choreografischen Ausdrucksformen gegenübersteht, die sich, in Veränderung und in Migration begriffen, begegnen, inspirieren, überschneiden und reformulieren, immer neu Fragen stellen und Weisen des »Weltmachens« aufwerfen.  Angesichts der Künstlerinnen und Künstler, die sich in und durch ihre Praxis, in ihren Entwürfen, die Welt und ihre Transformationen zu organisieren und zu verstehen, gegen Zentrierung und Grenzziehungen wenden: in ihrer Bewegungssprache, die sich selbstverständlich in verschiedenen Kulturen und Sehgewohnheiten entwickelt, in ihrer künstlerischen Forschung an den Grenzlinien einer vorherrschenden Tanzgeschichtsschreibung oder in ihrem kritischen Umgang mit den Dispositiven unserer Wahrnehmung. 

Can non-Europeans dance? steht dabei als Aufforderung im Raum, uns in der Begegnung mit scheinbar fremden Körpern und unabhängig davon, ob sich diese in ihrer eigenen oder einer von uns lesbaren Sprache ausdrücken, unabhängig von einem ethnografischen Blick, unserer eigenen Kartografien bewusst zu werden.  Eine Einladung, die Erfahrungen anderer Körper anzunehmen, die immer schon Ausnahme-Körper – Körper in Ausnahme – sind: Körper, die gleichzeitig immer auch andere sind, immer neue Versuche, ganz im Sinne des Choreografischen, unsere im Entstehen begriffenen Um- und unsere Tanzwelten zu organisieren.

 

VORSPIEL / KAPITEL FÜNF

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf körperliche Unantastbarkeit, ist eines der elementarsten Menschenrechte. In verschiedensten gesetzlichen Fassungen verankert, dient es dem Schutz der physischen und psychischen Gesundheit des Menschen: dem Schutz vor Folter, Körperstrafen, Menschenversuchen, Zwangskastration und -sterilisation u.a. In seinem allgemeingültigen, idealistischen Anspruch ist es zugleich Gegenstand heftigster Kontroversen, sofern es immer einem Ideologisieren und schließlich auch Scheitern ausgesetzt ist. Dann, wenn die Suche nach der Unversehrtheit des Körpers zwischen Macht und Ohnmacht ihrer Setzung schwankt und eine Textur von Bewegungen und Strategien von Nähe und Distanz, von Ein- und Ausschluss, von Normierungen und Entwürfen eines Immer- Anderen Körpers offenlegt. Dann, wenn sich die rechtstaatliche Garantie über ihre Schutzfunktion, über ihr Versprechen und ihre eigene Affirmation hinaus öffnet und zur Aufforderung, zur Forderung wird, uns mit den eigenen und fremden Prozessen und Politiken der Hervorbringung von Grenzen und Territorien zu beschäftigen.

Ganz im Denken eines Choreografischen, das sich nicht auf das Schaffen und Verwerfen von Strukturen begrenzt, sondern vielmehr eine körperliche Praxis beschreibt, in der Gegensätzliches und scheinbar Unvereinbares zur Verhandlung stehen, öffnet sich SCORE S NO7: intact bodies hin zum Sozialen und Politischen. Der mehrtägige künstlerisch-theoretische Parcours interessiert sich für die uns umgebenden und von uns performativ erzeugten Grenzziehungen – im strukturellen, körperlichen wie auch im geopolitischen Sinn. Ein spezifischer Fokus liegt dabei auf Situationen des Kollaps, der Katastrophe, des Krieges: Wie können Körper in Anbetracht solcher Erfahrungen unversehrt sein – integer, nicht verletzt, nicht verwundet, unbeschädigt, wohlbehalten, nicht entzwei, ganz, heil, intakt? Und erinnert uns nicht der Körper in seiner Verletzbarkeit, in seiner Schwäche daran, dass jede Grenze immer nur im Wissen um ihr fiktives Potential, immer nur als Relation zu etwas anderem, immer nur in Bewegung besteht? In einer Dynamik, die Hoheitsgebiete ins Wanken bringt, Festschreibungen aufweicht, uns ansteckt und in Bewegung versetzt, meint die Unversehrtheit des Körpers, unsere Handlungs- und Erfahrungsbereitschaft und die Praxis unserer Entscheidungen entgegen jeder Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit immer neu zu überprüfen.