Programm für Fr 21. März 2014:
Carl Hegemann (DE) / Daniel Aschwanden (CH/AT)

Vortrag: Die ewige Raststätte & Wie viel Tun ist im Nichttun?

Die ewige Raststätte

Alle Autobahnen haben ab sofort nur noch ein einziges Ziel: nämlich die Raststätte. Als Selbstzweck. Das Rasten ist nicht länger bloßes Mittel zum Zweck des Aufrechterhaltens der Mobilität und Aktivität. Denn das einzige Ziel des Menschen, seine natürliche Bestimmung ist die Ruhe, das Nichtstun, das Relaxen. Alles, was wir bewerkstelligen in unserem Leben, dient dazu, uns das Relaxen zu ermöglichen. Alles Tun, jede menschliche Aktivität hat nur ein Ziel: das Nichtstun zu fördern. Der natürliche Zustand des Menschen ist rasten und nicht rasen. Im Zuge der Entschleunigungsbewegung, der Slowfood-Bewegung und der Theorie der Interpassivität kommt dieser zentrale Faulheitsgedanke, die Raststättenrevolution jetzt langsam zum Tragen – mit gewaltigen Folgen für das gesamte Wirtschaftssystem.

Wie viel Tun ist im Nichttun?

Der utopische Roman Usong (1771) des Schweizer Universalgelehrten A. von Haller ist Teil der langen Performanz des chinesischen Begriffes wu wei im Westen. Wu wei, gleichbedeutend mit »Handeln durch Nichthandeln«, »nicht gegen die Natur der Dinge handeln«, wurde in Frankreich politisiert und kristallisierte erstaunlicherweise im republikanischen Schweizer Staatsmodell einer kommerziellen Gesellschaft (1848). Der Begriff entfaltet aber auch subversive Wirkungsformen und unterläuft seine ideologischen Interpretationen. »Abhängen« als zeitgenössische Formel der Kontemplation könnte eine solche sein. Widerständige Formen des Abhängens finden sich auch im Kontext zeitgenössischer Choreografiepraxis: von Steve Paxtons »small dances« bis zu Erdem Gündüz’ Protestaktion am Taksim-Platz in Istanbul.

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Carl Hegemann ist Professor fur Dramaturgie an der Hochschule fur Musik und Theater in Leipzig, Dramaturg am Thalia Theater Hamburg. Publikationen u. a.: Das Schwindelerregende. Kapitalismus und Regression (mit R. Goetz und J. Meese); Plädoyer für die unglückliche Liebe – Texte über Paradoxien des Theaters.

Daniel Aschwanden, Choreograf und Performer arbeitet transdisziplinar mit Schwerpunkt Interventionen im Urbanen Raum. Von 2010-2012 Aufbau und Leitung des Zwischennutzungsprojekts aspern Seestadt PUBLIK. Seit 2009 Gastdozent an der Universitat fur angewandte Kunst Wien, seit 2013 geladener Experte mit Schwerpunkt Performance im Bereich Social Design ebendort.

Eintritt frei

Im Rahmen von
NICHT(S)TUN
Ein faules Konzept einer Redereihe