Programm für Fr 22. März 2013:
DIEDRICH DIEDERICHSEN (D) / CHRISTINE GAIGG (A)

Sexualität und Folter / Auf der Mauer auf der Lauer

DIEDRICH DIEDERICHSEN (D)
Sexualität und Folter – Hubert Fichtes politische
Heuristik in der »Geschichte der Empfindlichkeit«

In den Romanen, die am Anfang von Hubert Fichtes großem Roman-fleuve-Projekt Die Geschichte der Empfindlichkeit stehen (Hotel Garni, Eine glückliche Liebe, Der kleine Hauptbahnhof oder Lob des Strichs), werden Methoden einer besonderen Forschung durchgespielt: Einer in jeder Hinsicht beteiligten Forschung, die unbekannten, aber den Forscher anziehenden sozialen Konstellationen gegenübertritt. Sexualität oszilliert hier zwischen Methode und Gegenstand, wobei Folter und Gefängnisse mehr zur politischen Bewertung der ermittelten Verhältnisse beitragen als die ebenfalls in reicher Fülle vorgelegten wirtschaftlichen Details. Dies hat Fichte zu Lebzeiten den Vorwurf eingebracht, »bürgerliche Freiheiten« wichtiger zu finden als Klassenverhältnisse. Zu untersuchen ist, wie Fichtes Theorie zu einer Theorie steht, die mit dieser Alternative arbeitet, und welche Rolle spielt dabei der Umstand, dass es zwischen den wissenschaftlichen und den literarischen Beiträgen der Geschichte der Empfindlichkeit wenigstens keine rhetorische Differenz gibt.

Diedrich Diederichsen, Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien.

&

CHRISTINE GAIGG (A)
Auf der Mauer auf der Lauer

Wenn es eine Praxis gibt, die sich auf den ersten Blick jeder Theorie zu verweigern scheint, dann ist das die Improvisation. Auf den ersten Blick, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Die Improvisation – hier: die tänzerische – ist der Theorie am nächsten, geht es doch um den Überblick über ein Ganzes, um eine gleichzeitige Betrachtung von innen und von außen, um eine Bewusstheit von Prinzipien, Kategorien und Zusammenhängen in jedem Moment und um den Widerstand gegen Sentimentalisierung und Verlorensein.
In Christine Gaiggs choreografischer Arbeit gibt es einerseits Stücke, die auf detailliert ausgearbeiteten Partituren beruhen, und andere, deren Konzept die freie Improvisation ist. Was diese beiden Pole theoretisch verbindet und was sie jeweils für Verantwortung und Freiheit des Performers bedeuten, wird sie an zwei Beispielen erläutern.

Christine Gaigg, Choreografin, Regisseurin, Autorin lebt und arbeitet in Wien.

Eintritt frei

Im Rahmen der REDEREIHE
Der Widerstand gegen die Theorie