EMMANUEL ALLOA (BE/CH) / PETRA SABISCH (DE)

DIE HAUT DER KRITIK
Theorie / Redereihe

 
Was geht heute Kritik unter die Haut, wenn sie Kunst kontaktiert? Und wann sträubt sich ihre Haut – von Politik kontaminiert? Kann Kritik aus der der eigenen Haut – jenseits Normativität und Subversionsrhetorik? Wie Kritik kritisieren – schwächen, um zu stärken?
 
EMMANUEL ALLOA
'Transparentismus' oder Vom Ende der Kritik. Ein Plädoyer für Theatralität
 
Transparentismus ist der Name für eine neue Denkweise, die sich der Körper und Geister umso wirksamer ermächtigt, als sie als kritischer Gestus daherkommt. Die Transparentmachung stand einst einmal für Aufklärung obskurer Verhältnisse, den Kampf gegen Verstellungen und das Niederlegen von Masken. Heute ist die emanzipatorische Forderung zur normativen Anforderung geworden: wer nichts zu verbergen hat, muss sich rückhaltlos mitteilen. Das neue Zeitalter des Bekenntnisses lebt vom Phantasma, mit sich selbst vollkommen zur Deckung kommen zu können. Angesichts dieses neuen Zwangs zur selbstkonformen Existenz, in der Spannungen und Widersprüche keinen Platz mehr haben, ist eine Verteidigung von innerer Pluralität und Theatralität gefordert.    
 
 
PETRA SABISCH
Kunst und Kritik, konkret
 
Kritik ist das Gegenteil von Indifferenz. Demgemäß bedeutet Kritisieren nicht nur Differenzieren, sondern auch Sich-Involvieren, Sich-Kümmern. Im Rahmen ihrer Kulturstatistik 2009 macht die UNESCO keinen Unterschied zwischen denen, die am Weihnachtsmarkt Dekoration verkaufen und denen, die künstlerische Performances machen. Preisfrage 1: Was bedeutet das für den Marktverkäufer?
 
1923 war Auguste Bolte unterwegs auf der Straße. Sie machte eine für die Performancekunst durchaus interessante Beobachtung: Sie sah etwa 10 Menschen auf der Straße, die in einer und derselben Richtung geradeaus vorwärts gingen. Das kam ihr sehr verdächtig vor. Da musste etwas los sein. Denn sonst würden nicht ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in genau einer und derselben Richtung gehen. 2016 kam nun Auguste Bolte ausgerechnet an ein- und derselben Straße wieder vorbei, an der damals etwas los war. Wieder beobachtete sie 10 Menschen. Allerdings gingen diese 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen ganz eindeutig in verschiedene Richtungen. Preisfrage 10: Was war los?
 
 
-
 
Emmanuel Alloa ist Philosoph und leitet gegenwärtig an der Universität St. Gallen ein Forschungsprojet über "Das Unbehagen in  der Transparenz". Im Wintersemester 2016-17 ist er Gastprofessor am Philosophie-Institut der Universität Wien. Er war Mit-Initiator des DFG-Netzwerks “Kulturen der Leiblichkeit” (2011-14) und Ko-Leiter des europäischen Netzwerks “Dynamics of the Image” (2013-15). 2010 war er Senior Fellow am IKKM Weimar und 2016 Fellow an der Italian Academy for Advanced Studies in America (New York), diverse Gastprofessuren, u.a. in Morelia (Mexiko), Lyon und Belo Horizonte (Brasilien). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören: deutsche und französische Phänomenologie, französische Gegenwartsphilosophie, Bildtheorie und Ästhetik, Medienphilosophie, Sozialphilosophie. Publikationen (Auswahl): Das durchscheinende Bild. Konturen einer medialen Phänomenologie, Berlin/Zürich: diaphanes 2011; Symbol, Zeichen, Sprache, Bild. Eine Einführung in die Kulturmedienphilosophie, Studienbrief der FernUniversität Hagen, 2013; La résistance du sensible. Merleau-Ponty critique de la transparence, Paris: Kimé 2014 (Spanisch 2009, Chinesisch 2016, Englisch 2017).
 
Petra Sabisch arbeitet als Choreographin, Philosophin, Schriftstellerin und Dozentin. Jüngst erschienen ist die Publikation: Für eine Topologie der Praktiken. Eine Studie zur Situation der zeitgenössischen, experimentellen Tanz-, Choreografie- und Performancekunst in Europa (1990-2013), in: M. Brauneck/ ITI Zentrum Deutschland (Hg.): Das Freie Theater im Europa der Gegenwart. Strukturen - Ästhetik- Kulturpolitik, Bielefeld: transcript 2016, S. 45-190.  http://www.verandaproduction.net
 
 
(c) Casabubble
 
 
FR 20. JAN
17.00 h in TQW / WienXtra Kinderinfo
 
Eltern können per Email unter tanzquartier [at] tqw [dot] at anmelden und den Unkostenbeitrag einzahlen.
_______________
 
Eintritt frei
_______________